Menschenmenge: Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!
Burkhard Jung: Also die 90er Jahre waren schon wirklich schwierig.
Karsten Gerkens: Es war so, dass 75 Prozent der Wohnungsbestände desolat waren und repariert werden mussten.
Bürgerin: Da müssten ganz schnell, also am besten ab morgen, Maßnahmen gefunden werden, um die Häuser, die noch stehen wenigstens zu erhalten.
Stefan Heinig: Direkt nach der Wende standen große Investitionen im Mittelpunkt, um damit eine Entwicklung in der Stadt anzuschieben, die auch sehr wichtig war.
Engelbert Lütke Daldrup: Dreiviertel unserer alten Häuser sind in Ordnung gebracht. Die Hälfte unserer Großsiedlungen sind saniert.
Stefan Heinig: Aber auf der anderen Seite dazu geführt hat, dass bei gleichzeitigem Einwohnerrückgang und Verlust der Arbeitsplätze, Leerstände entstanden sind. Das war ein wesentlicher Ausgangspunkt, um darüber zu reden, ob man in der Stadtentwicklung nicht anders agieren muss.
Es ging darum, ein Stadtentwicklungskonzept zu haben, was sich mit der Situation auseinandersetzt und differenziert in den einzelnen Stadtteilen unterschiedliche Strategien entwickelt.
Wir haben einerseits die nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege weiterentwickelt. Zum anderen haben wir die Menschen einbezogen, Freiräume eröffnet, um eigene Ideen zu realisieren und diese mit unterstützt.
Bürger: Wir haben aktiv alle mitgearbeitet. Und ich muss sagen, das ist wirklich das geworden, was wir uns vorgestellt haben.
Siegfried Schlegel: Bürgerbeteiligung hat in Leipzig schon eine jahrzehntelange Tradition.
Karsten Gerkens: Das waren freie Architekten - das waren alle möglichen Leute, die im Prinzip Ideen entwickelt haben. Zum Beispiel dieses ganze Thema der Zwischennutzung - Wächterhäuser und diese ganzen Dinge.
Fritjof Mothes: Offen sein für Neues, offen sein für Experimente. Nicht zu glauben, dass es keine Lösung gibt.
Stefan Heinig: Ein wichtiger Punkt ist das Fokussieren des Stadtentwicklungsprozesses auf bestimmte Schwerpunkträume, also auf Stadtteile, die einen besonderen Entwicklungsbedarf haben. Und dort setzt dann das Handeln an, welches ein Quartiersmanagement etabliert.
Paula Hofmann: Die Ziele des Quartiersmanagements sind vordergründig die Stärkung der Akteure, die hier vor Ort sind sowie die Verbesserung der Wohnqualität und der Lebensqualität der Menschen hier vor Ort.
Caroline Jonigkeit: Ich arbeite für den Querbeet Leipzig e.V. Das ist ein Gemeinschaftsgartenprojekt. Das stärkt den Zusammenhalt im Viertel und die Menschen können aktiv Teil haben. Sie lernen ihre eigene Nachbarschaft, ihre Umwelt und die Gesellschaft zu gestalten.
Thomas Dienberg: Da hat Leipzig immer neue Formate ausprobiert und war im Grunde auch Vorbild für andere Städte.
Pressestimme: Der Bauabschnitt des Stadtteilparks Rabet ist beendet. Damit ist eine weitere Etappe zur Erneuerung des Leipziger Ostens abgeschlossen.
Siegfried Schlegel: Dass diese europäische Charta den Namen "Leipzig Charta" 2007 erhalten hat, hat mit Sicherheit viel damit zu tun, dass wir Stadtentwicklung immer als Ganzes begriffen haben.
Burkhard Jung: Wir haben die großen Ansiedelungen versucht zu stimulieren, in dem wir die Messe und den Flughafen im Norden der Stadt etablierten - Gekoppelt mit der Kreativszene, gekoppelt mit der Biotech- und der Medizinszene - so dass insgesamt eine Situation des stimulierenden Miteinanders entstand, wo Menschen angelockt wurden, weil es wieder Arbeit gab. So war es in den 2000ern genau eine umgekehrte Situation. Nach 100 000 Einwohner Verlust, haben wir innerhalb von 10 Jahren 100 000 Menschen gewonnen und jetzt haben wir die Themen auf dem Tisch, die natürlich große Städte, die sehr stark wachsen, haben: Wachstumsschmerzen nenne ich das.
Stefan Heinig: Ein zentrales Thema der letzten Jahre war das Thema der Bildungsinfrastruktur.
Die Zahl der Geburten hat sich in Leipzig zwischen 1995 und heute fast verdreifacht. Entsprechend viele Kindertagesstätten und Schulen mussten neu gebaut werden.
Das Thema Wohnen haben wir über die Jahre in ganz unterschiedlichen Facetten aufgegriffen. Angefangen vom Stadtumbau und Umgang mit dem Leerstand, über kreative Ansätze Gebäude zu erhalten, bis hin zur Anpassung an den demographischen Wandel - also das altenfreundliche und altersgerechte Wohnen.
Thomas Dienberg: Wie geht man jetzt mit diesem unheimlichen Tempo, dem Druck auf den Immobilienmarkt um? Es gibt jetzt Themen wie soziale Gerechtigkeit, bezahlbares Wohnen, aber auch eine gute Quartiersentwicklung vor Ort.
Caroline Jonigkeit: Aktuell ist diese Flächensicherung wichtig für Projekte, die grüne oder Experimentierräume brauchen. Es geht darum diese Flächen, die es jetzt noch gibt, und das sind nicht mehr viele, zu sichern.
Stefan Heinig: Wege zu finden, wie ökonomisch, ökologisch und soziale Interessen miteinander abgeglichen werden können und eine Stadt entwickelt werden kann, die auch noch für unsere Kinder und Enkel da ist, das ist die zentrale Herausforderung.
Burkhard Jung: Das heißt, wir sind der Energiewende verpflichtet, wir sind der Verkehrswende verpflichtet, wir sind der Produktionswende verpflichtet, wir sind der Suffizienz verpflichtet und vielleicht auch dem Konsumverhalten, was sich ändern muss. Das sind die Themen der Zukunft und wir tun gut daran, das eine mit dem anderen zu koppeln, wohlwissend wie schwierig das wird.
Stefan Heinig: Für mich ist die Leipzig Charta ein wesentlicher Baustein zur Gestaltung einer resilienten Stadt. Insofern ist das integrierte Agieren, aber auch die Orientierung am Gemeinwohl in der Stadt, die die neue Leipzig Charta bringen wird, ein wesentlicher Faktor.
Oliver Weigel: Wenn ich mit einem Satz zusammenfassen soll, was die neue Leipzig Charta besonders auszeichnet, dann ist es, dass sie nicht nur sagt, welche Aufgaben Städte zu bewältigen haben, sondern, dass sie auch sagt, was sie dafür benötigen und die Staaten sich dazu bekennen, den Städten diese Mittel zur Verfügung zu stellen.
Burkhard Jung: Wir sind froh auf nationaler und internationaler Ebene als städtische Gemeinschaft gehört zu werden und unsere Probleme und Herausforderungen der Zukunft zu meistern.
Stefan Heinig: Es ist gut zu sehen, dass auch nach 10 Jahren Dinge sichtbar werden, für die man die Weichen gestellt hat.
Karsten Gerkens: Man kann durch die Stadt gehen und hat hunderttausend Stellen, wo man sagen kann: "Da waren wir dran beteiligt."
Burkhard Jung: Leipzig ist Sinnbild der europäisch gewachsenen Stadt.
Stefan Heinig: Stadtentwicklung ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe, da haben ganz viele einen Anteil dran.
Burkhard Jung: Ja wir sind wirklich stolz, dass das Stadtentwicklungspapier Europas den Namen Leipzig trägt.