Verlaufsformenwörterbuch

Empirische Grundlagen: Zugrundeliegende Korpusrecherchen

Die drei hier unter dem Terminus „Verlaufsformen“ zusammengefassten Verbkonstruktionen sind durch die folgenden formalen Eigenschaften gekennzeichnet:

  • am-Progressiv
    eine Flexionsform von sein, die Wortform am und eine Infinitivform des Verbs (üblicherweise und gemäß der Rechtschreibnorm groß geschrieben)
  • Absentiv
    eine Flexionsform von sein, und eine Infinitivform des Verbs (üblicherweise klein geschrieben)
  • beim-Verlaufsform
    eine Flexionsform von sein, die Wortform beim und eine Infinitivform des Verbs (üblicherweise und gemäß der Rechtschreibnorm groß geschrieben)

Da (i) die Abfolge zwischen der Form von sein und dem Rest der Konstruktion variabel ist, (ii) beliebig viel sprachliches Material zwischen die beiden Teile der Konstruktion treten kann und (iii) die bestimmenden Komponenten der jeweiligen Konstruktion oft auch in anderen Funktionen als der hier dargestellten miteinander vorkommen, sind Korpusabfragen, die auf eine exhaustive Durchforstung eines Korpus abzielen, äußerst schwierig. Ziel unserer Korpusabfragen war es daher, mit möglichst geringem Aufwand an manueller Nachbearbeitung der Rechercheergebnisse eine möglichst große Anzahl von Verlaufsformbelegen bei möglichst vielen verschiedenen Verben zu finden. Dazu wurde zu jeder der drei Verlaufsformen eine eigene Korpusrecherche entworfen.

Die im Wörterbuch enthaltenen Belege entstammen drei im Jahr 2009 durchgeführten Recherchen im „Archiv der geschriebenen Sprache“ (IDS, Deutsches Referenz-Korpus, nicht getaggt) und wurden mit dem Korpusanalysesystem COSMAS II durchgeführt. Im Vorfeld wurden für jede der drei Verlaufsformen verschiedene Suchausdrücke getestet, um Suchergebnisse zu bekommen, die einen möglichst hohen Anteil an einschlägigen Belegen enthalten und einen möglichst geringen Anteil an nicht einschlägigen, manuell auszusortierenden Belegen. Alle Rechercheergebnisse wurden manuell bereinigt.

Recherche I: am-Progressiv

Es wurde nach Belegen gesucht, die Ausdrücke des folgenden Typs enthalten:

&sein /w5 (am A*en)

eine Flexionsform von sein, der im Abstand von bis zu fünf Wörtern ein Ausdruck folgt oder vorangeht, der aus der unmittelbaren Abfolge von am und einem Wort besteht, das mit einem Großbuchstaben [hier A] beginnt und auf en endet

Die Abfrage wurde mit jedem der 29 Großbuchstaben (einschließlich der Umlaute) durchgeführt. Nicht für das Wörterbuch berücksichtigt wurden Belege, die am Leben sein enthielten. Dieser Ausdruck ist extrem häufig; er entspricht zwar der Form nach dem Progressiv, hat aber nicht die für den Progressiv typische Bedeutung.

Recherche II: beim-Verlaufsform

Für die Recherche wurde der gleiche Suchausdruck wie für den am-Progressiv verwendet, mit dem Unterschied, dass am durch beim ersetzt wurde.

Recherche III: Absentiv

Für die Suche nach Absentivbelegen fanden sich keine Suchausdrücke, die es mit vertretbarem Arbeitsaufwand erlaubt hätten, nach allen absentivfähigen Verben zu suchen. Es musste hier mit einer festen Liste von Verben gearbeitet werden, die einzeln auf Vorkommen im Absentiv geprüft wurden. Es wurde nach Belegen gesucht, die Ausdrücke des folgenden Typs enthalten:

(arbeiten %-w1:1 zu oder Zu) /w1 &sein %-w1:1 , oder .

die Wortform arbeiten (nicht unmittelbar nach zu oder Zu), der im Abstand von bis zu einem Wort eine Flexionsform von sein (nicht unmittelbar nach einem Komma oder Punkt) folgt oder vorangeht

Die Abfrage wurde für die 589 Verben des Referenzwortschatzes Deutsch durchgeführt. Die Bezugnahme auf Interpunktion im Suchausdruck soll verhindern, dass die zahlreichen nicht-absentivischen Belege des Typs Die Autorität, die dem Staat abhanden gekommen ist, suchen sie in der Arztpraxis und im Wirtshaus im Suchergebnis erscheinen.

Aus der Art der Recherche ergibt sich, dass das Wörterbuch weder beansprucht, alle Verben zu enthalten, die in einer der drei Verlaufsformen auftreten können, noch alle Belege zu erfassen, die im zugrundeliegenden Korpus enthalten sind. Die Nutzung der Daten im Verlaufsformenwörterbuch muss also – insbesondere hinsichtlich der quantitativen Verteilung der Daten – die Art der geschilderten Korpursrecherche berücksichtigen.