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"Bei zugefrorener Elbe war die Fluchtgefahr größer."

Für die Kapitäne der Aufsichtsboote gab es auch im Winter viel zu tun auf der Elbe:  Dann stand vor allem der Eisaufbruch an. Weder die Eisbrecher-Flotte der DDR, noch die der BRD hätten die Arbeit allein bewältigen können - so unterstützten sich die Schiffe in Notfällen gegenseitig. Im Interview mit NDR Online erzählt der Schiffsführer aus der ehemaligen DDR, Rainer Schwark, über die Extrembedingungen im Winter 1986/87.

NDR Online: Was war im Winter zuerst da, Eis oder Eisbrecher?

Rainer Schwark an Bord der "Bitter"  Fotograf: Kathrin Otto Detailansicht des Bildes Rainer Schwark: Die Eisbrecher der DDR wurden rechtzeitig, irgendwann im November, in Boizenburg stationiert, die westdeutschen Brecher lagen in Geesthacht. Wenn die Elbe dann zum Stehen kam, also zugefroren war, brach man von unten an auf - unten ist im Falle der Elbe Hamburg, Dresden ist oben. Also fing die Flotte der BRD mit dem Brechen an und ab Boizenburg scherte die DDR-Truppe ein.

NDR Online: Kann nicht jeder gleichzeitig mit dem Eisbrechen starten?

Schwark: Man kann nur "zu Berg" brechen, das heißt gegen den Strom, damit das gebrochene Eis mit der Strömung abfließen kann. Man kann nicht mittendrin anfangen und mit dem Strom brechen. Dann würde sich das Eis stauen und man würde sich sein eigenes Grab schaufeln. Dann kommt man selbst nämlich nicht mehr weg. Das ganze Eis, das hier oder weiter oben gebrochen wird, muss am Ende praktisch durch Hamburg durch.

NDR Online: Sie konnten in Boizenburg also entspannt auf die Kollegen aus dem Westen warten?

Schwark: Wir wussten, dass wir nichts anderes machen konnten, als zu warten, aber wir bekamen Druck "von oben". Wenn die Elbe zugefroren war, war für die Grenzer die Gefahr größer, dass Leute über den Zaun klettern und über das Eis in den Westen fliehen. Im Winter 1986/87 fuhr ich in Boizenburg den Eisbrecher "Bär". Boizenburg lag bei Elb-Kilometer 560 und bei Elb-Kilometer 566 war die ehemalige Grenze. Der Boizenburger Hafen war also sechs Kilometer von der Grenze entfernt. Und weil man eben nicht irgendwo mit dem Brechen anfangen konnte, mussten wir in Boizenburg warten, bis die Eisbrecher aus Geesthacht bei uns eintrafen. In Boizenburg war aber ein General der Grenztruppen anwesend, der hieß zufällig auch Bär. Diesem Herrn dauerte das alles zu lange. Da fragte er Herrn Schmiedel, den anwesenden Strommeister, und meine Wenigkeit: Warum brechen sie den Leuten nicht schon entgegen? Wir sollten also mit dem Strom brechen, was ja nicht möglich ist. Das haben wir ihm auch gesagt. Da brüllte er los: Wenn sie und ihre Leute dazu nicht in der Lage sind, besetze ich die Schiffe mit Soldaten. Herr Schmiedel sagte nur ganz ruhig: General Bär, das ist ja alles schön und gut, aber dann steht morgen in der Bild-Zeitung: "General Bär geht mit Bär unter". Da war das Thema zum Glück vom Tisch.

NDR Online: Wird das Eis gebrochen, damit die Schifffahrt nicht zum Erliegen kommt?

Schwark: Viel wichtiger ist, dass das Wasser abfließen kann. Gibt es einen Eis-Stau, staut sich auch das Wasser. Wenn dann weiter oben an der Elbe Tauwetter einsetzt, steigt der Wasserspiegel und vorne sitzt eine Art Pfropfen, so dass das Wasser nicht weg kann. Dann drohen die Deiche zu brechen. Die Eisbrecher werden also nicht nur für die Schifffahrt eingesetzt, das ist auch eine Art Hochwasserschutz.

NDR Online: Aber es brach jeder auf seiner Seite.

Eisaufbruch der Elbe bei Wittenberge im Winter 1986 / 87  Detailansicht des Bildes Eisaufbruch der Elbe bei Wittenberge im Winter 1986 / 87 Schwark: Im Winter 1986/87 durften zum ersten Mal Eisbrecher der Bundesrepublik über die damalige Staatsgrenze, um im Bereich der DDR zu helfen. Sie mussten helfen, weil unsere Eisbrecher-Flotte alleine nicht mit dem Eis klar kam. Der Winter war damals sehr stark. Wir hatten vier Brecher, sind damit aber kaum vorwärts gekommen. Am besten funktioniert der Eisaufbruch, wenn man möglichst breit bricht, damit die gesamte Elbe so breit wie möglich offen ist und Eis und Wasser gut abfließen können. Die Elbe war damals zu und für Dresden war Tauwetter angesagt. Darum gab es wegen der besonderen Härte ein Hilfeersuchen der DDR an die Bundesrepublik, den Eisabbruch gemeinsam fortzuführen. Wir haben danach mit acht oder neun Eisbrechern nebeneinander gebrochen. Die Eisbrecher der Bundesrepublik durften nicht nur zum ersten Mal über die Grenze, sie wurden nicht einmal kontrolliert. Sonst gab es in Schnackenburg den Zoll der Bundesrepublik und in Cumlosen den DDR-Zoll. Normalerweise musste man da ankern, den Motor ausmachen und dann wurden die Papiere geprüft und das Schiff durchsucht, teilweise sogar mit Hunden.

NDR Online: Wo haben sie nach dem Eisbrechen ihren Feierabend verbracht?

Schwark: Die Kollegen aus dem Westen konnten in Bleckede oder Tießau in den Hafen, wir dagegen mussten nochmal drei Stunden nach Boizenburg fahren. Auf der Ostseite gab es davor keinen Schutzhafen, in dem man vor der Strömung und den Eisschollen sicher war. Wir mussten also zurück nach Boizenburg, kamen da spät abends an und mussten am nächsten Morgen um drei oder vier Uhr wieder losfahren, um pünktlich um Sieben in Tießau zu sein. Das war natürlich hart. Weil in dem Winter aber die Zeit drängte, durften auch wir in die Häfen der Bundesrepublik einfahren. Dadurch haben wir viel Zeit gespart.

NDR Online: Wo haben sie geschlafen, auf den Booten?

Schwark: Wir hatten unsere Betten auf den Booten. Und weil wir abends ja nicht zurück in den Heimathafen gefahren sind, hatten wir einen Schlosser und einen Elektriker mit an Bord, damit kleinere Reparaturen abends vor Ort erledigt werden konnten. Wir lagen dann einen Abend in Gorleben im Hafen, haben Abendbrot gegessen und geredet und der Schlosser wollte noch irgendwas reparieren. Und was machte der natürlich? Er nahm sich seine Tasche und haute ab. Wir haben ihn die halbe Nacht lang gesucht, weil wir dachten, er wäre über Bord gegangen. Der hatte uns natürlich nicht Bescheid gesagt, dass er türmt. Am nächsten Morgen haben wir dann erfahren, dass er sich beim Zoll gemeldet hat.

NDR Online: Und was passierte danach?

Schwark: Wir mussten erst mal zurück nach Dömitz, da wurden unsere Schiffe durchsucht und jeder einzeln befragt, ob wir das nicht hätten vermeiden können. Aber wir konnten ja nichts dafür. Weil in dem Winter so viel zu tun war und die Zeit drängte, durften wir zum Glück nachts weiter in die Westhäfen, aber es war immer so ein leichter Beigeschmack dabei.

NDR Online: War es für sie selbst nicht verlockend in den Westen zu gehen?

Schwark: Nein, ich habe da (Anm. d. Red.: in der DDR) ja Haus, Hof und Familie gehabt und habe gut gelebt. Ich hätte keinen Grund gehabt, meine Gegend zu verlassen. Und gebratene Tauben wären mir doch drüben auch nicht in den Mund geflogen.

Das Gespräch führte Kathrin Otto, NDR Online.

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