Zum Inhalt springen

Mineralöl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Mineralöle sind komplexe Gemische aus Kohlenwasserstoffen, die hauptsächlich aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl (Rohöl), Kohle oder Erdgas gewonnen werden. Sie dienen als Basis für Kraftstoffe, Schmieröle, Heizöle, Kosmetika und zur Herstellung von Kunststoffen, Textilien, Farben sowie pharmazeutischer Produkte. Im Gegensatz zu pflanzlichen Ölen sind Mineralöle biologisch nicht abbaubar.

Mineralöl ist ein komplexes Gemisch aus tausenden Kohlenwasserstoffen, das hauptsächlich aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird. Chemisch gesehen besteht es fast ausschließlich aus Kohlenstoff (ca. 83–87 %) und Wasserstoff (ca. 11–15 %). Die Gewinnung erfolgt überwiegend durch petrochemische oder kohlechemische Stoffumwandlung, wobei sich beide Wege fundamental in ihrer Methodik unterscheiden: Während die Petrochemie primär ein Trenn- und Veredelungsverfahren ist, nutzt die Kohlechemie (auch Carbochemie genannt) komplexe Syntheseverfahren, um aus einem Feststoff eine Flüssigkeit zu erzeugen. Der Hauptunterschied liegt im Ausgangsrohstoff und den daraus abgeleiteten Prozessen. Während die Petrochemie auf Erdöl und Erdgas basiert, nutzt die Kohlechemie Kohle (Steinkohle oder Braunkohle) als Basis.[1]

Heute sind die beiden Bereiche technologisch verschmolzen. Viele Produkte, die früher rein aus Kohle gewonnen wurden, wie Teerfarben oder Benzol, kommen heute fast nur noch aus dem Erdöl. Die Petrochemie hat die Kohlechemie weitgehend verdrängt, weil Erdöl leichter zu transportieren und chemisch einfacher zu verarbeiten ist. In Ländern mit viel Kohle, aber wenig Erdöl (wie China oder Südafrika), wird die Kohlechemie allerdings konstant genutzt, um unabhängiger von Ölimporten zu sein.[2]

Carbochemisches (links) und petrochemisches (rechts) Mineralölprodukt

Carbochemische Mineralöle können durch Kohleverflüssigung (Coal-to-Liquid, CtL) aus Braun- oder Steinkohle gewonnen werden. Dabei entstehen durch Verfahren wie die Fischer-Tropsch-Synthese synthetische Kraftstoffe (Benzin, Diesel, Kerosin) und chemische Grundstoffe. Der Prozess ist aufwendig und wird meist zur Erreichung von Autarkie oder bei hohen Ölpreisen genutzt. Im Gegensatz zu herkömmlichem Mineralöl aus Erdöl verbrennen synthetische Kraftstoffe aufgrund ihrer chemischen Struktur (hoher Anteil an gesättigten Kohlenwasserstoffen, keine Aromaten) sehr sauber, sind geruchlos, ruß- und schwefelfrei.[3]

China gehört zu den Ländern mit den weltweit größten Kohlereserven und deckt mit seiner Kohle rund 25 % seines Energiebedarfs.[2] Als Rohstoff für die Produktion von chemischen und flüssigen Stoffen verbraucht die Volksrepublik jährlich etwa 380 Millionen Tonnen Kohle, was rund 10 % des gesamten Kohleverbrauchs des Landes entspricht.[4] Folglich entstammen viele chinesische Erzeugnisse der Carbochemie. Allein die CtL-Anlage in Ningxia produziert seit 2021 jährlich 4,05 Millionen Tonnen synthetische Produkte.[5] Insgesamt gibt es in China derzeit (2026) etwa 18 CtL-Anlagen.[6]

Mit weiteren 21 in der Entwicklung befindlichen CtL-Anlagen hat China weltweit die meisten neuen Kohlechemie-Vorhaben, gefolgt von Indien (14), Indonesien (6), Kasachstan (3), Botsuana (2) und Pakistan (1).[7] Während China durch viele verschiedene Kohleverflüssigungsanlagen die südafrikanische Gesamtproduktion übertrifft, bleibt der von Sasol betriebene Einzelkomplex in Secunda hinsichtlich Technologie und Kapazität der globale Spitzenreiter: Südafrika deckt etwa 30 % seines Bedarfs an flüssigen Produkten (insbesondere Benzin und Diesel) durch Kohleverflüssigung.[8]

Petrochemische Mineralöle werden durch die Raffination von Rohöl gewonnen, wobei das Gemisch in einer Raffinerie zunächst erhitzt wird. In der atmosphärischen Destillation trennen sich die Bestandteile nach ihren Siedepunkten in Fraktionen wie Benzin, Kerosin und Diesel auf. Schwere Rückstände werden anschließend in der Vakuumdestillation bei niedrigerem Druck weiter zerlegt, um empfindliche Schmieröle zu isolieren. Abschließende Reinigungsschritte entfernen unerwünschte Stoffe wie Schwefel oder Wachse, um hochwertige Endprodukte zu erzeugen.[9]

Die weltweite Produktion von petrochemischen Mineralölprodukten konzentrierte sich im Jahr 2024 auf rund 600 aktive Raffinerien, die Erdöl in Treibstoffe, Heizöle und Grundstoffe umwandeln. Die Jamnagar-Raffinerie in Indien gilt weltweit als die größte Raffinerie. Eine hohe Konzentration von Erdölraffinerien befindet sich in Asien und dem Nahen Osten.[10] Inklusive der größten Anlage, der MiRO in Karlsruhe, verfügte Deutschland 2026 über zwölf aktive Raffinerien, von denen sich allerdings keine mehr in deutscher Hand befindet und deren Anzahl sowie Auslastung rasant zurückgehen.[11] Österreich betreibt seine einzige Raffinerie in Schwechat.[12] In der Schweiz wiederum stellt Cressier die letzte verbliebene Produktionsstätte für Mineralöl dar.[13]

Während die Erdölförderung oft in Ländern mit großen Reserven wie Venezuela oder Saudi-Arabien erfolgt, findet die Verarbeitung von Erdöl zu Mineralölprodukten primär in den USA, China und Russland statt, wobei die USA mit jährlich über 800 Millionen Tonnen der größte Produzent sind. China hat seine Kapazitäten in den letzten Jahrzehnten massiv ausgebaut und liegt seit 2026 mit über 300 Millionen Tonnen petrochemischer Erzeugnisse an zweiter Stelle. Russland bleibt trotz geopolitischer Spannungen ein zentraler Akteur mit Fokus auf den Export von Halbfabrikaten und Fertigprodukten. So dominieren die USA zwar die Produktion von Mineralöl, Russland kann jedoch durch seine Rolle in der OPEC+ stärker koordinierte Angebotsentscheidungen treffen.[14][15]

Beachte: Nicht Erdöl, sondern das daraus raffinierte Produkt ist das Mineralöl, auch wenn dies heute oft synonym verwendet wird.

Abseits von Erdöl und Kohle gibt es weitere natürliche Ablagerungen und Methoden, aus denen Mineralölprodukte extrahiert werden können.

Ein geologisch sehr junges Sediment ist beispielsweise Torf, das eine Vorstufe in der Inkohlungsreihe darstellt. Er wandelt sich über Jahrmillionen durch Druck und Hitze erst in Braunkohle, dann in Steinkohle um. Daher wird die chemische Verarbeitung von Torf historisch wie technologisch den thermischen Kohleveredlungsverfahren (wie der Verschwelung oder Kohlehydrierung) zugeordnet.[16] Torf wird industriell heute nicht mehr zu Mineralöl verarbeitet, da wirtschaftlich unrentabel.

Ölsande und Ölschiefer sind zwei weitere, aber unterschiedliche unkonventionelle Ressourcen für die Gewinnung von Kohlenwasserstoffen. Während der eine Rohstoff aus einer Mischung von Sand, Wasser und zähflüssigem Bitumen besteht, handelt es sich beim anderen um ein feinkörniges Sedimentgestein, das festes Kerogen enthält. Sie dienen als Speicher oder Ausgangsmaterial und enthalten organische Substanzen, die sich durch verschiedene Verfahren zu Mineralölen verarbeiten lassen. Die Gewinnung von Mineralöl aus Ölsand und Ölschiefer wird der Petrochemie zugeordnet.[17] Die Verarbeitung von Ölsand findet heute fast ausschließlich in Kanada statt.[18] Ölschiefer wird vor allem in Estland, China und in geringen Umfang in Brasilien zu Mineralöl verarbeitet.[19]

Eine relativ neue Methode der Gewinnung von Mineralöl ist das Plastic-to-Liquid-Verfahren (PtL), bei dem sortenreine Kunststoffabfälle durch Pyrolyse (Erhitzen unter Sauerstoffausschluss) wieder in ihre chemischen Bestandteile zerlegt werden. Das resultierende Pyrolyseöl ist ein synthetisches Rohöl, aus dem erneut Mineralöl raffiniert werden kann.[20] Die Produktion ist sehr kapitalintensiv und konkurriert direkt mit den Preisen für fossiles Primäröl. Vorreiter bei der kommerziellen Nutzung ist aktuell China, das massiv auf diese Technologie setzt und sich zum weltweiten Marktführer bei der großtechnischen Umwandlung von Kunststoffabfällen in flüssige Kraftstoffe entwickelt hat. Die weltgrößte Anlage befindet sich in Jieyang, die im Sommer 2025 mit einer Jahreskapazität von 200.000 Tonnen Mischplastik startete. Durch katalytisches Cracken in einem einstufigen Prozess müssen in diesem petrochemischen Werk die Abfälle nicht aufwendig vorsortiert werden; die Ausbeute an Mineralölen liegt bei über 92 %.[21]

Mineralöle und ihre Derivate sind in fast allen Lebensbereichen präsent. Sie lassen sich grob in chemische Grundstoffe, hochverarbeitete Spezialprodukte und Energieträger unterteilen:

  • Kosmetik und Körperpflege: In vielen Pflegeprodukten werden Mineralöle (oft als Paraffinum Liquidum oder Petrolatum deklariert) verwendet, weil sie billig sind, lange halten und die Haut weich machen, beispielsweise in Bodylotion, Hand- und Gesichtscremes, Lippenstiften, Mascara, Duschgel, Shampoo, Deodorants, Babyöl, Sonnenschutzmittel.
  • Haushalt und Alltag: Mineralöle und Mineralölbestandteile sind im Haushalt in vielen Bereichen zu finden, oft, ohne dass es auf den ersten Blick erkennbar ist. Sie kommen nicht nur als Schmierstoffe vor, sondern auch in Plastikverpackungen, Brotdosen, Strumpfhosen, Fleece-Kleidung, Matratzen, Teppichböden, Bodenbelägen (PVC), Kerzen (aus Paraffin), Kaugummi (die Kaumasse ist oft synthetisch), Zahnbürsten, Brillen, Kontaktlinsen etc.
  • Medizin und Pharmazie: Hochgereinigte medizinische Weißöle sind wichtige Hilfsstoffe in Medikamenten (Salben, Kapselhüllen, Hustensaft, Abführmittel) und synthetische Bausteine für Schmerzmittel wie Aspirin oder Ibuprofen.
  • Industrie und Technik: Mineralöle sind die Basis für Schmier- und Brennstoffe, wie Benzin, Diesel, Kerosin, Schiffsdiesel, Motoröl, während spezielle Mineralöle als Schmierstoffe für Motoren dienen. Auch in der chemischen Industrie ist Mineralöl unverzichtbar, beispielsweise für die Herstellung von Lacken, Farben, Lösungsmitteln, Reinigungsmitteln, Frostschutzmitteln. Im Bauwesen findet das Produkt Bitumen, das aus Mineralöl gewonnen wird, breite Anwendung im Asphaltbau für Straßen und als Material zur Abdichtung.[22]

Gesundheitsgefahren

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mineralöle sind brennbar und bergen verschiedene Gefahren für Mensch und Umwelt. Bei Erhitzung oder Bildung von Ölnebeln besteht Explosionsgefahr. Leckagen an heißen Maschinen können Brände verursachen. Schon geringe Mengen genügen, um Gewässer und Grundwasser nachhaltig zu schädigen, da sie sich nur schwer biologisch abbauen lassen.[23]

Häufiger Hautkontakt mit Mineralölen kann zu Hautreizungen, Entzündungen (Ölakne) oder chronischen Ekzemen führen. Bestimmte nicht oder nur schwach raffinierte Öle stehen im Verdacht, krebserzeugend zu sein, insbesondere bei Einwirkung auf die Haut über längere Zeiträume. Werden ölhaltige Nebel oder Aerosole eingeatmet, können diese zu Atemwegserkrankungen führen. Das Verschlucken von Mineralölprodukten und das anschließende Eindringen in die Atemwege kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben.[23]

Mineralöl in Lebensmitteln und Kosmetika birgt gesundheitliche Risiken, insbesondere durch aromatische Verbindungen (MOAH), die als potenziell krebserregend und erbgutverändernd gelten. Gesättigte Mineralöle (MOSH) können sich im menschlichen Gewebe anreichern. Hauptquellen sind verunreinigte Lebensmittel, während Mineralöl in Kosmetika nach aktuellem Stand als weniger bedenklich eingestuft wird.[24]

  • Carl Zerbe (Hrsg.): Mineralöle und verwandte Produkte. Band 1. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 1952, ISBN 978-3-642-53012-8, doi:10.1007/978-3-642-53011-1.
  • Carl Zerbe (Hrsg.): Mineralöle und verwandte Produkte. Band 2. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 1969, ISBN 978-3-642-87510-6, doi:10.1007/978-3-642-87509-0.
  • Deutsches Institut für Normung (Hrsg.): Handbuch Mineralöle und Brennstoffe. Band 1. Eigenschaften und Anforderungen. DIN Media GmbH, 1997–lfd. (lose Blattsammlung, ab 2021 Einzelheftsammlung).
  • Deutsches Institut für Normung (Hrsg.): Handbuch Mineralöle und Brennstoffe. Band 2. Prüfverfahren. DIN Media GmbH, 1997–lfd. (lose Blattsammlung, ab 2021 Einzelheftsammlung).
Commons: Mineralöl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Carl Zerbe (Hrsg.): Mineralöle und verwandte Produkte. Ein Handbuch für Laboratorium und Betrieb. Springer Verlag, 1969. S. 5 f.
  2. 1 2 Kohleatlas 2014 (Memento vom 31. Oktober 2022 im Internet Archive) TU Freiberg, abgerufen am 5. Mai 2026.
  3. ↑ Fritz Ullmann (Hrsg.): Ullmanns Encyklopädie der technischen Chemie. Dokumentation. Verfahrensentwicklung und Planung von Anlagen. Band 4. Verlag Chemie, 1974, S. 342.
  4. ↑ China consumes almost 400 mt of coal to produce liquid fuels The Coal Hub vom 17. Juni 2025, abgerufen am 7. Mai 2025.
  5. ↑ Coal-to-liquid plant in China’s Ningxia reaches full capacity China Daily vom 22. Dezember 2021, abgerufen am 6. Mai 2025.
  6. ↑ China’s CTL projects information Researchgate vom 8. April 2026.
  7. ↑ Umweltorganisation warnt vor Chinas Kohlechemie-Projekten Tagesspiegel vom 21. Oktober 2025, abgerufen am 6. Mai 2025.
  8. ↑ South African coal sector report 2016 Department Energy Republic of South Africa, abgerufen am 6. Mai 2025.
  9. ↑ Die Herstellung von Mineralölen Zoll Fachthemen, abgerufen am 5. Mai 2026.
  10. ↑ acatech, DECHEMA (Hrsg.): Wasserstoff-Kompass – Handlungsoptionen für die Wasserstoffwirtschaft. Studie Industriezweige Raffinerien. 2023. Dechema, abgerufen am 6. Mai 2026.
  11. ↑ Muss der Steuerzahler die Raffinerien in Deutschland retten? Telepolis vom 17. April 2025, abgerufen am 17. Mai 2026.
  12. ↑ Raffinerie Schwechat OMV, abgerufen am 17. Mai 2026.
  13. ↑ Cressier: Die letzte Raffinerie der Schweiz Powerfacts, abgerufen am 17. Mai 2026.
  14. ↑ Die größten Erdölproduzenten der Welt 2026 IG Group vom 2. April 2026.
  15. ↑ Das sind die größten Öl- und Gaskonzerne der Welt Handelsblatt vom 2. April 2026.
  16. ↑ Paul Hoering: Moornutzung und Torfverwertung mit besonderer Berücksichtigung der Trockendestillation. Springer Verlag, 1921, S. 495.
  17. ↑ Helmuth Hausen (Hrsg.): Landolt-Börnstein: Thermodynamische Eigenschaften von Gemischen, Verbrennung, Wärmeübertragung. 4. Teil, Bandteil b. Springer Verlag, 1972, S. 116.
  18. ↑ Infoblatt Ölsand in Kanada, Stand 2014 Ernst Klett Verlag, abgerufen am 17. Mai 2026.
  19. ↑ WD 8 – 3000/008-2013 Unkonventionelles Erdöl - Umweltauswirkungen Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag, abgerufen am 17. Mai 2026.
  20. ↑ First Waste Plastic Conversion into Liquid Fuel by using Muffle Furnace through Reactor Scientific & Academic Publishing, abgerufen am 16. Mai 2026.
  21. ↑ China Opens 200.000-tonne Chemical Recycling Plant PlastikToday vom 14. Juli 2025, abgerufen am 17. Mai 2026.
  22. ↑ Mineralöl in Deutschland (S.6.) Zeitbild Wissen, Jg. 57, Juni 2015, abgerufen am 5. Mai 2026.
  23. 1 2 Mineralöl für die Molekularbiologie (Sicherheitsdatenblatt) Carl Roth Chemicals, abgerufen am 5. Mai 2026.
  24. ↑ Mineralöl in Lebensmitteln und Kosmetik: Ist das bedenklich? Öko-Test vom 17. Mai 2024, abgerufen am 5. Mai 2026.