Lehrstück von der Richtigkeit des falschen Wegs
Vor der Uraufführung im Michel: Sofia Gubaidulina und ihre "Passion und Auferstehung Jesu Christi nach Johannes"
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"Die schönste Zeit meines Lebens" nennt Sofia Gubaidulina die zehn Jahre seit ihrer Übersiedlung von Moskau nach Appen bei Pinneberg. Es war ein Umzug in ein warmes Nest, denn der Hamburger Musikverlag Sikorski lässt seine Erfolgsautorin nicht verkommen. Verlagsdirektor Jürgen Köchel hatte die 1931 in Tartarstan geborene, von der sowjetis-chen Musikkritik geschmähte Komponistin Mitte der siebziger Jahre in Moskau aufgespürt, ihr Genie erkannt und versucht, ihre Musik mit Hilfe russischer Virtuosen wie Gidon Kremer und Mstislaw Rostropowitsch auf die Podien der westlichen Welt zu schleusen. Für harte D-Mark erkaufte sich der Verlag von den Sowjets Druck- und Vertriebsrechte, die sich heute auszahlen.
"Komponieren Sie weiter auf ihrem falschen Weg" - diesem Rat ihres heimlichen Mentors Dmitrij Schostakowitsch folgte Sofia Gubaidulina unbeirrbar. Zusammen mit ihren Alters- und Leidensgenossen Alfred Schnittke und Edison Denissow bildete sie jene Troika komponierender Dissidenten, deren "zu wenig optimistische" Musik erst im Zeichen der Peres-troika eine Rehabilitation erfuhr. 1989 avancierte sie zur "Verdienten Künstlerin der RSFSR" - zu spät, um sie in Moskau zu halten, als die Baseler Sacher-Stiftung sich entschloss, ihre geschriebenen und noch ungeschriebenen Partituren anzukaufen. Ein Glücksumstand, der sie in die Lage versetzte, in der Nähe Hamburgs ein ländliches Schaffens-Refugium zu erwerben.
Von Kind auf zutiefst gläubig, empfindet Sofia Gubaidulina ihr Komponieren als stufenweise Annäherung an Gott. Selbst in anscheinend "reinen" Instrumentalwerken versteckte sie, von sowjetischen Zensoren unbemerkt, oftmals religiöse Zeichen. In Stücken, die geistliche Titel tragen, treten sie unverhüllter zu Tage - etwa in gekreuzter Stimmführung oder christlicher Zahlensymbolik (Offertorium, Sieben Worte, In croce, De profundis). Seitdem die Komponistin die Bestsellerliste ihres Verlags anführt und die höchstdotierten Kunstpreise der Welt abräumt (1998 den Praemium Imperiale in Tokio, 1999 den Kopenhagener Leonie Sonning Preis, 2002 den schwedischen Polar-Musikpreis), entstand eine Reihe groß besetzter, oratorienartiger Werke auf religiöse Texte. 1990 komponierte sie für die Berliner Festwochen ein Alleluja über Worte der russisch-orthodoxen Liturgie, 1998 für den Cellovirtuosen Rostropowitsch einen Sonnengesang auf das berühmte Gebet des Franz von Assisi und für das Stuttgarter Bach-Fest 2000 eine Johannes-Passion, die sie als Herzstück ihrer kompositorischen Lebensarbeit begreift. Dieses 90-minütige Werk, dessen Uraufführung die Hänssler Classic Edition im vergangenen Herbst auf CD dokumentierte, ist am Sonnabend um 19 Uhr in
St. Michaelis mit genau den Sängern, den Chören und dem Dirigenten zu hören, die Sofia Gubaidulina beim Komponieren im Sinn hatte: drei stimmgewaltige Gesangssolisten aus St. Petersburg, der dortige Kammerchor und der Chor des Mariinsky-Theaters unter Leitung seines Chefdirigenten, Valery Gergiev. Der NDR, dessen Jubiläums-Konzertreihe "das neue werk" in dieser Festaufführung gipfelt, schickt sein Sinfonieorchester und seinen Chor mit auf die Empore. Das allein wäre Ereignis genug. Doch die Komponistin war seit der Stuttgarter Premiere ihrer Johannes-Passion nicht untätig. Von Anfang an schwebte ihr eine Fortsetzung vor, die Hamburg nun eine Uraufführung beschert: die Auferstehung Jesu Christi nach Johannes, die sie "Johannes-Ostern" nennt. Dieser zweite Werkteil dauert 50 Minuten, so dass sich eine Gesamtaufführungszeit von zwei Stunden und 20 Minuten ergibt. Das Riesenwerk, das seine religiöse Kraft aus der Wechselwirkung von Johannes-Evangelium und Johannes-Offenbarung gewinnt, wird in russischer Sprache gesungen. Die Verknüpfung der Leidensgeschichte Christi auf Erden mit den von Johannes in der Apokalypse geschauten außerzeitlichen Geschehnissen im Himmel in einem Werk ist in der Musikgeschichte bislang ohne Beispiel.