UNTERNEHMER / QUANDT Die stille Gruppe
Nach einem Flugzeug-Unfall in Zürich, bei dem seine private Düsenmaschine vom Typ »Lear Jet« nicht von der Piste hochkam und in einem Zaun zerschellte, versprach der verletzte Großindustrielle Harald Quandt 1965: »Mir ist es wichtiger, heil anzukommen als allzu sportlich zu fliegen.«
Aber trotz schlechten Wetters ließ sich der Industriemagnat in der Nacht zum Freitag vorletzter Woche nicht abhalten, von Frankfurt nach Nizza zu fliegen. Am nächsten Morgen wollte er dort eine Bademodenschau besuchen, die eine Berliner Freundin zu veranstalten plante. Gegen zwei Uhr in der Frühe stürzte Harald Quandt, 45, nahe Turin ab.
Der Tod des Industriemagnaten hat die Familien-Dynastie vor ein nahezu unlösbares Problem gestellt: Rund 25 Verwaltungssitze im Top-Management sind verwaist, und 50 Unternehmen verloren ihren Teilhaber.
Zusammen mit seinem Bruder Herbert, 57, und zwei Generalbevollmächtigten dirigierte Harald den am weitesten verzweigten Konzern, der in Deutschland seit Hugo Stinnes senior entstand. Doch keines jener Unternehmen, die der Familie gehören, trägt im Firmenkopf den Namen Quandt.
Ausweis der Konzernzugehörigkeit ist die mehr verhüllende als klärende Bezeichnung »Quandt-Gruppe": Denn niemand weiß genau, wie hoch die Beteiligungen der Gebrüder bei den vier Dutzend Konzernfirmen sind. Sie fabrizieren Kammgarn, Autobatterien und Taschenlampen, Haarwasser und Eisenbahnwaggons, drucken Reiseführer, fördern Öl und Kali und produzieren Infanterie- sowie Starfighter-Munition.
Die Industriegewerkschaft Metall nannte die Gebrüder Quandt die »vermutlich größten deutschen Rüstungsinteressenten«. Ganz sicher ist, daß außer Friedrich Flick in Deutschland niemand reicher ist als die Quandts.
Allein die Unternehmen, von deren Kapital die Quandts mehr als 50 Prozent innehaben, machen jährlich 2,5 Milliarden Mark Umsatz. Der Quandt-Anteil von 40 Prozent an den Bayerischen Motoren Werken (BMW) in München wird mit 150 Millionen Mark bewertet. Weitere 430 Millionen Mark ist jenes Paket mit Daimler-Benz-Aktien schwer, das die Quandts nach dem letzten Krieg aufstockten.
Kein westdeutscher Industrieller, mit Ausnahme seines Bruders Herbert, hielt so viele Posten im Firmen-Management besetzt wie Harald Quandt. Gleichzeitig war er
> Generaldirektor der Industrie-Werke Karlsruhe AG;
> stellvertretender Generaldirektor der Busch-Jaeger Dürener Metallwerke AG und der Gewerkschaft Wintershall;
> Vorstandsmitglied der Mauser-Werke AG und der Gewerkschaft Erdöl-Raffinerie Emsland;
> Geschäftsführer der Draeger-Werke GmbH, der Keller & Knappich GmbH und der Allgemeinen Gesellschaft für Industriebeteiligungen (AGFI);
> Aufsichtsratsvorsitzender der Varta AG, der Deutsche Waggon- und Maschinenfabriken GmbH, der Mauser-Meßzeug GmbH, der Wuppermetall GmbH, der Wildfang GmbH und der Dürener Metallwerke Berlin GmbH;
> stellvertretender Auf sichtsratsvorsitzender der Varta Pertrix-Union GmbH, der Concordia Elektrizitäts-AG und der Kammgarnspinnerei Stöhr & Co AG;
> Aufsichtsratsmitglied der Wintershall AG, der Daimler-Benz AG, der Westfalenbank AG und der Mannheimer Erdöl-Raffinerie;
> Beiratsvorsitzender der Deutsche Entwicklungsgesellschaft mbH. Die Vorfahren der Dynastie stammen aus dem brandenburgischen Städtchen Pritzwalk, wo der Großvater eine Tuchfabrik betrieb. Vater Günther Quandt machte sich, nach einigen Jahren Staatsdienst, schon zu Beginn der zwanziger Jahre einen Namen als talentierter Konzernbauer. Quandt fusionierte Textilfabriken, kam durch seinen Freund August Rosterg ins Kaligeschäft und kaufte sich in die Elektrobranche ein.
Doch nicht dieses Talent, sondern ein Gesellschaftsskandal machte den Namen Quandt in Deutschland publik. Seine zweite. Frau Magda, geborene Ritschel, trennte sich von ihm und ehelichte Hitlers Chefpropagandisten Joseph Goebbels. Ihren Sohn Harald, Quandts Jüngsten, nahm sie mit in die Goebbels-Villa auf Schwanenwerder. Bruder Herbert stammt aus Günther Quandts erster Ehe.
Herbert Quandt lernte Kaufmann. 1940 gab ihm der Vater einen Vorstandsposten in seiner Accumulatorenfabrik Hagen. Mit großer Willenskraft meisterte der Junior, der an einer schweren Augenkrankheit leidet und heute nur noch zwei Prozent Sehkraft besitzt, die ihm gestellten Aufgaben.
Harald Quandt überlebte als einziges Familienmitglied der Goebbels -- sein Stiefvater gab sich 1945 im Berliner Führerbunker die Kugel und seiner Familie Gift, Harald schrieb er einen Brief: »Es ist wahrscheinlich, daß Du der einzige bist, der übrigbleibt, die Tradition unserer Familie fortzuführen ... Deutschland wird diesen Krieg überleben, aber nur dann, wenn es Beispiele hat, die seinen Wiederaufbau leiten ...«
Nach dem Abitur war Harald Quandt bei den Fallschirmjägern eingerückt; 1944 geriet der Oberleutnant in Afrika In britische Gefangenschaft. Später studierte er Maschinenbau, schrieb seine Diplomarbeit über Stufenpressen und kam 1953, kurz bevor sein Vater während einer Geschäftsreise in Kairo starb, Ins Unternehmen. Schon als Student hatte er in Aufsichtsräten der Quandt-Unternehmen gesessen.
Der Vater bestimmte die Söhne zu gleichberechtigten Erben. Herbert und Harald Quandt kamen überein, Ihren Besitz zu poolen und in zwei Vermögensgesellschaften -- der Allgemeinen Gesellschaft für Industriebeteiligungen und der Draeger-Werke GmbH, beide in Stuttgart -- zu konzentrieren. Auch Im Management teilten die Brüder sich die Arbeit:
> Herbert Quandt übernahm die Bereiche Elektro, Kall und Öl mit den Firmengruppen Varta, Concordia Elektrizitäts-AG und Wintershall, > Harald Quandt besetzte den Bereich Metall mit der Firmengruppe Industrie-Werke Karlsruhe AG. Im Aufsichtsrat des Renommier-Unternehmens Daimler-Benz vertraten sie ihren Besitz, der nach Flick und der Deutschen Bank die drittgrößte Aktionärsgruppe darstellt, gemeinsam. Herbert Quandt allein konzentrierte sich auf BMW, die er angeschlagen vorfand und mit von ihm ausgewählten neuen Managern wieder in Fahrt brachte.
Zu Generalbevollmächtigten des Konzerns machten die Brüder zwei Männer, die ihnen der Vater noch vorgeschlagen hatte. Herbert Quandts Spitzenmitarbeiter wurde der Jurist Dr. Horst Pavel, 58, der 28 Mandate in Vorständen, Verwaltungs- und Aufsichtsräten innehat. Harald Quandts Hausmeier wurde der Kaufmann Gerhard Vieweg, 61, der über 15 Konzernmandate verfügt.
Zusammen bildeten sie das höchste Führungsgremium der Quandt-Gruppe, den »Viererkreis«. Im Verwaltungszentrum, dem Günther-Quandt-Haus in Bad Homburg schalteten sie die Konzerngleise unauffällig, lautlos und routiniert.
Öffentlich traten die Brüder grundsätzlich nie in Erscheinung. Deutschlands Automobilisten sahen nur ihren Varta-Reiseführer, der 14000 Hotels und Gaststätten ähnlich dem französischen »Guide Michelin« nach Gaumen- und Bettenqualitäten einstuft.
Nur einmal kam der stille Herbert Quandt aus der schalldichten Konzern-Kulisse. 1964 drohte der Name Quandt Schlagzeilen zu machen. Hella Tebbenjohanns, geborene Ritschel und eine Stiefschwester von Magda Goebbels, ehelichte den wegen Gattenmordes verurteilten und später freigesprochenen amerikanischen Arzt Sam Sheppard ("Bild": »Liebe holte ihn aus dem Zuchthaus"). Als die hochblonde, schlanke Hella sich gegenüber Illustrierten-Journalisten als Quandt-Verwandte zu erkennen gab, erstickte Herbert Quandt durch persönliche Intervention alle Nachrichten über den familiären Hintergrund.
Der Schatten von Joseph Goebbels lastete besonders auf Harald, in dessen Haus niemand über den Stiefvater sprechen durfte. Zusammen mit seiner Frau Inge und fünf Töchtern im Alter zwischen 16 Jahren und acht Wochen bewohnte der Industrielle in Bad Homburg, Am Zollstock 8-10, ein weitläufiges Anwesen. Im Keller seines Hauses hatte der technisch versierte Quandt einen vollautomatischen Schießstand und eine Kegelbahn installiert.
In der geräumigen Hausbar, die von der 300 Quadratmeter großen Wohnhalle durch eine automatisch versenkbare Zwischenwand getrennt ist, erklang Musik aus vier Musikboxen, deren Programm Harald Quandt über eine elektronisch gesteuerte Telephonanlage abrief. Seine Modelleisenbahn ist so kompliziert, daß ihm beim Spielen ein Ingenieur als Fahrdienstleiter zur Seite stehen mußte. Das Fernsehprogramm studierte der Hausherr in einem eigens errichteten Kinosaal mit großer Leinwand oder vom Bett aus ein Gerät ist in der Schlafzimmerdecke eingebaut.
Selbst Rüstungsfachleuten Imponierte der Diplom-Ingenieur durch seine exakten technischen Kenntnisse. Harald Quandt stand einem Team von 400 deutschen und amerikanischen Ingenieuren vor, das In der Deutschen Entwicklungsgesellschaft mbH In Augsburg den »Kampfpanzer 70« konstruiert. Das Fahrzeug soll 1970 der Standard-Tank der US-Truppen werden.
Trotz seiner vielen Reisen, die der ausgebildete Düsenpilot mit eigenen oder gecharterten Flugzeugen unternahm, fand der Industrielle Zeit für ausgelassene Partys mit Freunden aus der Play-Society. Zu seinen häufigen Hausgästen zählten der vielgeliebte Gunter Sachs sowie Bubi Scholz, der Preisboxer mit der sanften Stimme.
Der Tod des Milliardärs dürfte eines der kompliziertesten Steuerverfahren der Nachkriegszeit auslösen. Rund 15 Prozent des Erbes, dessen Wert nur mit ungeheuren Schwierigkeiten ermittelt werden kann, verfallen der Erbschaftssteuer. Falls die Brüder nicht bereits vorsorglich Anzahlungen für den Erbfall vorgenommen haben, muß die Familie in den kommenden Jahren Beträge in einer Größenordnung von mehr als 100 Millionen Mark an die Finanzbehörden zahlen.
Allerdings ist noch ungewiß, ob Haralds Ehefrau Inge, die keinen Sohn hat, überhaupt die volle Hälfte des Konzern -Vermögens übernimmt. Bei Frankfurter Großbanken hieß es in der letzten Woche, die Familie des verunglückten Harald Quandt werde unter Umständen mit einem Pauschalbetrag abgefunden.