
China verabschiedet sich langsam vom Bargeld
Chinas Notenbank forciert die Entwicklung einer digitalen Währung. Die entwickelten Volkswirtschaften nehmen diesen Prozess kaum wahr. Es könnte sich als Fehler erweisen. Wer Pionierarbeit leistet, wird beim Entwerfen internationaler Standards eine führende Rolle einnehmen.
Matthias Müller, Shenzhen
5 Leseminuten

Die digitale chinesische Währung als gesetzliches Zahlungsmittel erfüllt dieselben Funktionen wie physisches Bargeld: Sie ist Tauschmittel sowie Recheneinheit und dient als Wertaufbewahrungsmittel.
Yan Cong / Bloomberg

Yu Linqu vom China Development Institute wird dem Bargeld keine Träne nachweinen.
Matthias Müller / NZZ
Als Yu Linqu die Frage hört, ob die von der chinesischen Notenbank People’s Bank of China (PBoC) entwickelte digitale Währung den Beginn der bargeldlosen Gesellschaft bedeute, lacht er kurz und sagt dann mit Blick auf eine Kollegin trocken: «Den Zustand haben wir in China bereits erreicht. Wir beide nutzen kein Bargeld mehr.» Yu, der bei der Denkfabrik China Development Institute in der unweit von Hongkong gelegenen Millionenstadt Shenzhen forscht, blickt für den digitalen Yuan mit dem noch sperrigen Namen Digital Currency Electronic Payment (DCEP) optimistisch in die Zukunft: «Dank digitalen Portemonnaies wie Alipay und WeChat Pay sind die Chinesinnen und Chinesen auf ein Leben ohne Bargeld bestens vorbereitet», sagt er.
Das Losglück entscheidet
Laut einer von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Ende 2019 unter 66 Notenbanken durchgeführten und im Januar 2020 veröffentlichten Untersuchung tüfteln zwar vier von fünf Währungshütern weltweit an der Einführung einer digitalen Währung. Weit gediehen sind die Pläne bisher aber nur auf den Bahamas, wo es seit Oktober vergangenen Jahres den digitalen Sand-Dollar gibt, in Schweden mit einem Pilotprojekt sowie in China.
In der Hauptstadt der im Westen gelegenen Provinz Sichuan, Chengdu, hat es am Mittwoch die nunmehr vierte Lotterie in dem asiatischen Land gegeben, in deren Rahmen sich Chinesinnen und Chinesen um die Teilnahme an einem Pilotprojekt bewerben können; ein identisches Prozedere war zuvor im Oktober vergangenen sowie im Januar dieses Jahres in Shenzhen sowie im Dezember 2020 in der unweit von Schanghai gelegenen Stadt Suzhou durchgeführt worden.
In Chengdu erhalten diejenigen Personen, die als Teilnehmer ausgelost werden, einen roten Umschlag auf ihr Smartphone gesandt. Den darin enthaltenen Geldbetrag in Form eines digitalen Yuan (E-Yuan) können sie bis zum 26. Februar in ausgewählten Geschäften sowie auf der E-Commerce-Plattform JD.com einlösen. «Bei den Verfahren in Shenzhen haben nicht alle Teilnehmer ihren digitalen Yuan ausgegeben, weil manche mit dem System noch nicht vertraut waren», sagt Yu. In solchen Fällen verfällt die digitale Währung zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Ein Bankkonto ist nicht nötig
Die PBoC, die seit 2014 an der digitalen Währung als gesetzlichem Zahlungsmittel arbeitet, hat noch kein Weissbuch publiziert, so dass bis jetzt nur wenige Details über die Ausgestaltung bekannt sind. Wie im bisherigen System mit Bargeld – in der geldpolitischen Definition auch als M0 bezeichnet – ist der digitale Yuan individuell gestückelt und mit einer Seriennummer versehen. Chinas Notenbank gibt mit ihren geldpolitischen Instrumenten die digitale Währung zunächst an die Geschäftsbanken aus. Und von diesen erhalten wiederum die Chinesinnen und Chinesen den E-Yuan auf die digitalen, unverzinsten Portemonnaies überwiesen.
Ein Bankkonto zur Nutzung der virtuellen Währung ist nicht nötig. Auch Ausländer können die digitale Währung nutzen, ohne ein Konto in China zu besitzen. Für die weltweit rund 2 Mrd. Personen ohne Bankkonto bietet der Ansatz eine interessante Perspektive, durch ihn könnte auch die Internationalisierung des Yuan vorangetrieben werden.
Die digitale chinesische Währung als gesetzliches Zahlungsmittel erfüllt dieselben Funktionen wie physisches Bargeld: Sie ist Tauschmittel sowie Recheneinheit und dient als Wertaufbewahrungsmittel. «Bei Alipay und WeChat Pay handelt es sich dagegen um mobile Bezahldienste», betont Yu.
Hinzu kommt ein weiterer Unterschied. Alipay und WeChat Pay lassen sich nur nutzen, wenn Zugang zum Internet besteht. Chinas digitale Währung setzt jedoch auf die Technologie «near-field communication», bei der zwei Smartphones wenige Zentimeter voneinander entfernt sein müssen, um kontaktlos – ohne Zugang zum Internet – zu zahlen.
Die PBoC verfolgt mit dem Projekt darüber hinaus ein weiteres Ziel. Bis anhin existiert am Markt für mobile Bezahlsysteme ein aus Alipay und WeChat Pay bestehendes Duopol. Die neue digitale Währung könnte diese Vormachtstellung aufbrechen, lautet das unausgesprochene Gedankenspiel der Notenbanker.
Neue Möglichkeiten für Helikoptergeld
Eines Tages wird der E-Yuan das Bargeld in China abgelöst haben. Aus Sicht der Geschäftsbanken gebe es betriebswirtschaftliche Gründe, diese Entwicklung positiv zu verfolgen, sagt Yu. Sie müssen keine Geldautomaten mehr betreiben, sie brauchen kaum noch Kassierer, die Zahl der Filialen wird sinken, und Sicherheitsvorkehrungen etwa beim Transport des Bargelds entfallen.
Auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist der digitale, programmierbare Yuan ein zukunftsweisendes Projekt. Bis jetzt lehnen zahlreiche Ökonominnen und Ökonomen Helikoptergeld zur Förderung des Konsums in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit guten Argumenten ab. Es bleibt unklar, wo und wann das Geld ausgegeben wird; und im schlimmsten Fall legen es die Empfänger aufs Konto, statt damit einzukaufen.
Die bisherigen Versuche zeigen jedoch, dass fiskalpolitische Stimuli wie das Helikoptergeld durch den E-Yuan wirkungsvoller werden könnten. Dank der Programmierbarkeit der digitalen Währung ist es möglich, dass die zweckgebundenen Fördergelder nur in bestimmten Regionen und dort wiederum nur in bestimmten Geschäften ausgegeben werden können; geben die Konsumenten innert einem bestimmten Zeitraum das Geld nicht aus, verfällt es. Sie haben nicht die Möglichkeit, die Währung auf ein Sparkonto zu transferieren.
Auch bei der Förderung von Investitionsprojekten bietet der E-Yuan neue Möglichkeiten. In der Vergangenheit sind solche Gelder bei Infrastrukturprojekten in der chinesischen Provinz immer wieder in dunklen Kanälen verschwunden. Mit der digitalen Währung lässt sich jedoch nachvollziehen, ob das Geld bei den Projekten, für die es gedacht war, angekommen ist. Damit könnten Chinas Behörden auch die Finanzierung von Terrorismus, Geldströme illegaler Aktivitäten sowie Steuerhinterziehung nachverfolgen.
Was geschieht mit den Daten?
Die Fortschritte Chinas sind in den industrialisierten Ländern noch nicht angekommen. In der im Oktober vergangenen Jahres durch die BIZ veröffentlichten Studie «Central bank digital currencies: foundational principles and core features», an der auch die Schweizerische Nationalbank mitgewirkt hat, wird das Vorhaben in China mit keiner Silbe erwähnt. Diese Mischung aus Arglosigkeit und Überheblichkeit könnte sich als Fehler erweisen.
Welche Ziele China verfolgt, hat der Partei- und Staatschef Xi Jinping in einem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Beitrag für ein Journal der Kommunistischen Partei, «Qiushi», verdeutlicht. «Wir sollten uns aktiv daran beteiligen, internationale Regeln für die digitale Währung und Steuern zu formulieren, um neue Wettbewerbsvorteile zu schaffen», lautet seine Vorgabe. Mit anderen Worten ist sich Xi bewusst, dass Pionierarbeit leistende Länder bei der Implementierung weltweiter Standards eine zentrale Rolle spielen werden.
Erste juristische Schritte hat es in China bereits gegeben. In dem überarbeiteten Gesetz zur PBoC wird in Paragraf 19 der Hinweis zu lesen sein, dass der Yuan in physischer und digitaler Form existieren wird. Andere Punkte sind noch offen. So muss reguliert werden, wie weit die Daten der Firmen und Konsumenten mit Blick auf den Schutz der Privatsphäre genutzt werden dürfen. Der mögliche Zugriff des chinesischen Machtapparats darauf erzeugt ein mulmiges Gefühl. Solch sensitive Themen werden in China zumindest bis jetzt nicht öffentlich diskutiert. Vielmehr sollen die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking und Umgebung der Welt die Vorteile des E-Yuan vor Augen führen.
Passend zum Artikel































