
Kupfer, Lithium und Erdöl: Sitzen die Taliban auf einem Schatz von 1000 Milliarden Dollar?
Afghanistan ist ein bitterarmes Land, obwohl es reich an Bodenschätzen ist. Viele Rohstoffe, die gerade für grüne Technologien notwendig sind, schlummern im Boden des asiatischen Landes. Profitieren damit die Taliban vom Boom für Elektroautos?
Gerald Hosp
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Die Infrastruktur für Bergbau in Afghanistan muss erst noch aufgebaut werden: Arbeiter bauen Salz unter gefährlichen Bedingungen ab.
Jawed Kargar / EPA
Sitzen die Taliban nach der Machtergreifung in Afghanistan auf einem Schatz von 1000 Mrd. $? Vor rund zehn Jahren hatten amerikanische Behörden den Wert der noch nicht erschlossenen Bodenschätze des asiatischen Landes auf diese Summe geschätzt. Weitere Studien kamen gar zu einem Ergebnis von bis zu 3000 Mrd. $.
Auch wenn die Schätzungen den Schwankungen der Rohstoffpreise unterliegen und der Umfang der Vorkommen nur annäherungsweise bekannt ist: Die enormen Bodenschätze des Landes regen schon seit langem die Phantasie von Politikern auf der ganzen Welt, von Rohstofffirmen, Ökonomen und Kriegsherren an.
«Saudiarabien des Lithiums»
Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Nachdem die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im Jahr 2001 das Taliban-Regime abgesetzt hatten, entwickelte sich keine prosperierende Wirtschaft. Das Land blieb vom Tropf internationaler Hilfszahlungen abhängig. Eine Studie der Weltbank vor vier Jahren kam zu dem Schluss, dass über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren einzig die Rohstoffbranche das Potenzial habe, namhafte Exporteinnahmen zu erzielen.
Afghanistan ist reich an Eisenerz, Kupfer, Gold, Erdöl, Marmor und Edelsteinen, aber auch an Lithium, Kobalt und seltenen Erden. Vor allem die letztgenannten Metalle und Mineralien haben es vielen angetan, denn es sind die Materialien, die grünen Technologien wie Batterien, Solaranlagen oder Windrädern zugrunde liegen.
Das amerikanische Verteidigungsministerium nannte Afghanistan einmal gar das «Saudiarabien des Lithiums». Laut dem Pentagon sollen die Vorkommen in Afghanistan ähnlich hoch sein wie in Bolivien, dem Land mit den derzeit üppigsten Mengen an Lithium. Das afghanische Bergbauministerium hielt in einer Studie fest, dass das Land zwar in keiner Kategorie zu den grössten Anbietern zähle. Afghanistan könne aber bei manchen Rohstoffen eine bedeutende Rolle spielen.
Rohstoff für Konflikte
Bisher haben die bewaffneten Konflikte, die instabile Politik, die mangelnde Infrastruktur, die Binnenlage des Landes, die weitverbreitete Korruption und die schwachen staatlichen Institutionen den Aufbau einer erfolgreichen Rohstoffwirtschaft verhindert. An der Misere sind zu einem Grossteil die Taliban schuld. Die Bodenschätze haben bereits ihr Potenzial gezeigt, den Konflikt anzuheizen: So finanzierten sich die Taliban bisher teilweise über den Bergbau, etwa mit dem Verkauf illegal abgebauten Marmors oder des Halbedelsteins Lapislazuli.
Es wäre für eine Taliban-Regierung naheliegend, den Rohstoffabbau zu forcieren. Um Investoren anzulocken, müssten die radikalen Islamisten aber ein Abgleiten in einen Bürgerkrieg verhindern und um internationale Akzeptanz buhlen, indem sie tatsächlich zeigten, dass sie im Vergleich mit dem Schreckensregime zwischen 1996 und 2001 geläutert sind.
Die neuen Herren in Kabul strecken ihre Fühler auch nach Russland und China aus. Beide Länder haben ihre diplomatischen Vertretungen in Afghanistan belassen und bereits den Kontakt zu den Taliban gesucht. Vor allem Peking könnte ein wichtiger Investor und Abnehmer afghanischer Rohstoffe sein.
Hochfliegende Pläne, triste Wirklichkeit
Auch Washington hatte stets ein Auge auf den Rohstoffschatz in Afghanistan. Im Jahr 2006 liess die US-Regierung unter Präsident George W. Bush Luftbildvermessungen durchführen. Die wichtigste Grundlage waren aber immer noch die Schätzungen sowjetischer Geologen. Während der Amtszeit von Barack Obama richtete das Pentagon eine Einsatzgruppe ein, die den Aufbau einer Bergbaubranche zum Auftrag hatte.
Laut einem Bericht der «New York Times» soll 2017 der damalige Präsident Donald Trump von Beratern und der afghanischen Regierung mit der Aussicht auf Rohstoffe geködert worden sein, die Präsenz amerikanischer Truppen im Land aufrechtzuerhalten. Trump habe den Bergbau als Win-win-Situation gesehen, bei der die afghanische Wirtschaft profitiere, Jobs für Amerikaner entstünden und die USA vor allem bei den seltenen Erden gegenüber China, das in diesem Bereich dominant ist, punkten könnten.
Wie schwierig die Ausbeutung des Bodenschatzes bisher war, zeigt aber nicht ein amerikanisches oder westliches Projekt, sondern ausgerechnet ein chinesisches: Unter der Federführung des staatlich kontrollierten Unternehmens Metallurgical Corp. of China erwarb ein Konsortium die Abbaurechte für das Kupfervorkommen Mes Aynak südöstlich von Kabul, das als das zweitgrösste der Welt bezeichnet wird.
Das Drei-Milliarden-Dollar-Projekt galt als die bis anhin grösste ausländische Direktinvestition in Afghanistan. Nur, Kupfer wurde bis heute noch nicht abgebaut. Das Projekt wurde geplagt von Sorgen um die Sicherheit, mangelnder Stromversorgung und fehlenden Transportwegen. Die Firmen begründeten Verzögerungen auch damit, dass Überreste einer schützenswerten buddhistischen Siedlung gefunden worden waren. Das Konsortium könnte bestrebt sein, neue Konditionen auszuhandeln. Eine ähnliche Enttäuschung ist das Erdölfeld Amu Daryan, für das der chinesische Staatskonzern CNPC 2011 eine Lizenz erhalten hatte. Das Unternehmen hat das Projekt bereits aufgegeben.
Peking hat einen Fuss in der Tür
Die Bodenschätze Afghanistans sind für das rohstoffhungrige China sicherlich attraktiv. Auch dürften chinesische Unternehmen tendenziell weniger zimperlich sein als westliche Firmen, was die Zusammenarbeit mit den Taliban angeht. China hatte aber bereits vor deren Machtübernahme den Fuss in der Tür, mit wenig überzeugenden Resultaten. Die Lage ist wohl tendenziell unberechenbarer geworden.
Es spricht einiges dafür, dass Peking vorsichtig und abwartend vorgehen wird. Firmenvertreter von Metallurgical Corp. of China werden in chinesischen Medien dementsprechend zitiert: An eine Wiederaufnahme der Tätigkeit werde gedacht, wenn sich die Situation stabilisiere und das Taliban-Regime international anerkannt werde.
Vorsicht vor der Rohstofffalle
Dass die Bodenschätze noch nicht vermehrt ausgebeutet wurden, liegt neben den praktischen Überlegungen auch daran, dass der geflohene Präsident Ashraf Ghani, der von 2014 bis zum August dieses Jahres im Amt war, die Gefahr eines Ressourcenfluchs sah. Der frühere Weltbank-Mitarbeiter ist, was nicht einer grimmigen Ironie entbehrt, der Autor des Buchs «Fixing Failed States». Dort werden Wege beschrieben, wie gescheiterte Staaten repariert werden können.
Die Theorie des Ressourcenfluchs besagt, dass Rohstoffreichtum die Quelle der Probleme vieler Entwicklungs- und Schwellenländer ist. Bodenschätze fördern Konflikte, ineffizientes Regieren und Korruption. Mit dem Rohstoffreichtum sind Regierungen nicht so sehr auf Steuerzahler und die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen.
Der Ressourcenfluch ist aber nicht gottgegeben. Neben Ländern wie Norwegen, Kanada oder Australien haben es auch Staaten wie Botswana, Chile oder Malaysia geschafft, nicht in die Rohstofffalle zu tappen. Voraussetzung dafür sind jedoch politische und gesellschaftliche Institutionen, die eine vernünftige Verwendung der Rohstoffeinnahmen zulassen. Ghani wollte zunächst die richtigen Institutionen für einen wachstumsförderlichen Rohstoffabbau schaffen. Er ist jedoch gescheitert.
Ressourcenfluch auf Sparflamme
Die Taliban dürften diese Skrupel gegenüber dem Rohstoffreichtum nicht haben, was sie auch schon bewiesen haben. Sie sind vielmehr durch den vermutlichen Mangel an ausländischen Investoren und das Fehlen an Know-how eingeschränkt. Der Ressourcenfluch wirkt dennoch: Im Vordergrund werden wohl der Abbau von Edelsteinen, Marmor, weiteren Baumaterialien und Gold stehen. Der Kapitaleinsatz dafür ist geringer als für den modernen, grossindustriellen Abbau von Kupfer, Bauxit oder Eisenerz. Damit könnte die westliche Welt zumindest vorläufig dem moralischen Dilemma entkommen, für Elektrofahrzeuge und weitere grüne Technologien Rohstoffe aus dem Taliban-Land zu verwenden.
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