«Vaganten» als Obsession – wie die Organisation Pro Juventute während Jahrzehnten Familien zerstörte

Über 600 «Kinder der Landstrasse» wurden ihren jenischen Eltern weggenommen. Vor fünfzig Jahren machte der «Beobachter» auf den Skandal aufmerksam, was zu einem neuen Umgang mit Fahrenden führte. Ein Blick zurück.

Christoph Wehrli
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Den Einfluss der Eltern auf die Kinder möglichst früh ausschalten: Alfred Siegfried 1953 bei der Zahnkontrolle eines jenischen Mädchens.

Hans Staub / Fotostiftung Schweiz / Keystone

«‹Fahrende› Mütter klagen an.» Unter einem schmalen Titel lässt der «Schweizerische Beobachter» am 15. April 1972 in einem Artikel Frauen zu Wort kommen, die Erschreckendes erlitten haben. Theresia Wyss-Häfeli beispielsweise, Zigeunerin, wie sie sich nennt, wurde einst als Kind ihren Eltern weggenommen, wuchs in Heimen und Pflegefamilien auf und musste erdulden, dass auch ihre Kinder auf Dauer von ihr getrennt wurden. «Seit zwanzig Jahren habe ich weder meine Kinder gesehen noch erfahren, wo sie jetzt sind und was sie machen.» Eine 22-jährige Frau, die mit 16 erfahren hat, dass ihre angeblich gestorbenen Eltern noch leben, hat Aufenthalte in verschiedenen Heimen, Anstalten und einer Klinik, Fluchtversuche, Dunkelarrest und einen Suizidversuch hinter sich und eine höchst ungewisse Zukunft vor sich.

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Angeklagt sind Behörden, vor allem aber die Organisation Pro Juventute, die sich mit ihrem «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» (effektiv Teil des Zentralsekretariats) der Bekämpfung der fahrenden Lebensweise verschrieben hat.

Nicht dass mit dem Artikel, dem noch mehrere weitere folgen, etwas völlig Unbekanntes aufgedeckt würde. Der jahrzehntelang zuständige Abteilungsleiter bei Pro Juventute, Alfred Siegfried (1890–1972), hat stets für sein Anliegen geworben und 1963 ein Buch über sein Lebenswerk publiziert. Nicht zuletzt verschaffte der Bund von 1930 bis 1966 den Aktivitäten mit Subventionen auch Anerkennung, Bundesräte fungierten früher sogar als Präsident des Stiftungsrats. Neu ist, dass Betroffene mit ihrer Perspektive Aufmerksamkeit in einem verbreiteten Medium erhalten. Der «Beobachter», eine Zeitschrift mit anwaltschaftlichem Anspruch, äussert sich vorsichtig – «zugegeben, die Fahrenden sind nicht problemlos» – und kritisiert vor allem die intransparenten Verfahren: Menschen, denen die elterliche Gewalt entzogen wird, werden offenbar weder über die Gründe informiert noch angehört. Zum Thema wird aber auch, dass das angeblich fürsorgerische Handeln Menschen für ein ganzes Leben schädigen kann.

«Die asoziale Sippe»

Die rund 600 Kindswegnahmen, an denen Pro Juventute von 1926 bis 1972 beteiligt ist, sind wenig im Ganzen eines Systems von Fremdplatzierungen. Im Jahr 1930 sind 68 000 Kinder in Heimen und Pflegefamilien untergebracht. Frauenorganisationen und andere gemeinnützige Vereine engagieren sich gegen Armut und «Verwahrlosung», da der Sozialstaat noch rudimentär ist. Ab 1912 erleichtert das Zivilgesetzbuch vormundschaftliche Massnahmen bei Geistesschwäche, bei Verarmung wegen Trunksucht oder lasterhaften Lebenswandels und bei Vernachlässigung der elterlichen Pflichten. Die Bestrebungen, die als Förderung der gesellschaftlichen Integration verstanden werden können, sind stets von Vorstellungen geprägt, was normal, nützlich oder gut sei.

Das Programm für die «Kinder der Landstrasse» nimmt indes mit besonderer Radikalität eine einzelne Gruppe und Lebensform ins Visier, die per se als unerwünscht, ja als «gesellschaftsfeindlich» gilt: die als Hausierer, Scherenschleifer, Korbmacher und Gelegenheitsarbeiter umherziehenden Jenischen (deren grösserer Teil sesshaft ist). Alfred Siegfried, vor seiner Tätigkeit bei Pro Juventute als Gymnasiallehrer wegen eines Pädophiliedelikts entlassen, begründet seinen Kampf gegen die «Vagantität» etwa in einem Vortrag von 1943 damit, dass die Fahrenden «eben auf Grund dieser Verwahrlosung einen engen Verband bilden», dass «die asoziale Sippe» sie «zu einer gefährlichen Macht» werden lasse, gegen die mit den üblichen Massnahmen nicht anzukommen sei. Während teilweise schlechtes Erbgut vorliege, sei der «Hang zum Vagieren (. . .) eindeutig anerzogen». Daher müsse man «die Familiengemeinschaft auseinander reissen», den Einfluss der Eltern auf die Kinder möglichst früh ausschalten, auch wenn dies «für den Fürsorger brennende Gewissensfragen mit sich bringt».

Pragmatische Gemeinden

In der Praxis treten Gewissensfragen um das Wohl der einzelnen Menschen hinter dem ideologischen Ziel zurück. Systematisch, geradezu versessen geht Siegfried seiner Mission nach. Er spürt zu seiner Zielgruppe gehörende Familienverbände auf, sammelt Hinweise und Argumente, ersucht dann die jeweilige Gemeinde, einzuschreiten und ihn als Vormund einzusetzen. Gelegentlich wartet er den Entscheid nicht einmal ab. Die zuständigen Kommunen, letztlich die Heimatorte, haben selten die Mittel für professionelle Abklärungen. Sie scheinen allerdings oft einen pragmatischen Umgang mit den Fahrenden gefunden zu haben und greifen nicht wegen «Vagantentums» allein ein.

Das «Hilfswerk» scheitert mit seinen Begehren häufiger, als es Zustimmung erhält. Entscheidend sind für die lokalen Behörden konkrete Missstände – und finanzielle Kriterien. Einer Entlastung des Armenbudgets stehen die Kosten einer Fremdplatzierung gegenüber, an denen sich aber Pro Juventute beteiligt. Weniger tief eingreifende Massnahmen werden meist übersprungen. Vorkehren zur Unterstützung oder Beratung der Familie widersprächen der Theorie des «schädlichen Milieus» diametral.

Siegfried nimmt erhebliche praktische Aufgaben an sich. Eine Reihe von Problemen scheint mit der Fremdplatzierung erst zu beginnen. Pflegefamilien, wie sie dem Fürsorger vorschweben, «einfach, aber tüchtig», sind nicht leicht zu finden. In Heimen (deren Methoden sind ein Thema für sich) stellen sich oft Schwierigkeiten ein; Wechsel sind häufig, so wird zudem der Familie der Kontakt erschwert. Ein erheblicher Aufwand, auch später bei der Stellensuche, und Pedanterie – wie Korrespondenzen um einzelne Auslagen – kennzeichnen Siegfrieds Arbeit ebenso wie eine zwiespältige Haltung: Er geht mit Mündeln in die Ferien, lässt viele aber auch seine Meinung über ihr Herkunftsmilieu spüren. Mit zeitweise mehr als 200 Mandaten ist er ohnehin kaum in der Lage, sich eingehend um alle ihm Anvertrauten zu kümmern.

Keine Selbstzweifel, kaum Kritik

Von 67 «Schützlingen», die bis 1943 volljährig wurden, sind nach einer Übersicht Siegfrieds 12 zu ihrer Sippe zurückgekehrt, 3 interniert, 33 «gefährdet oder unzuverlässig» und 19 der «Vagantität» entfremdet. Der Erfolg ist also nach eigenen Massstäben recht begrenzt. Die konkreten Umstände, aus denen die betroffenen Kinder kommen, lassen sich zwar nachträglich kaum zuverlässig rekonstruieren, da die Informationen in den Akten selektiv sind. Aus heutiger Sicht hat indes gerade der Umerziehungsversuch die persönliche Entwicklung und eine angemessene Sozialisation vielfach zumindest erschwert.

Negative Erfahrungen führen allerdings nicht zur Überprüfung der Methode. Aus der sozialpädagogischen Fachwelt meldet sich kaum Kritik. Die Psychiatrie, die sich oft mit den «Betreuten» zu befassen hat, nimmt keine grundsätzlich andere Sicht ein. Allfällige Rechtsmittel bleiben fast immer erfolglos. Innerhalb von Pro Juventute, die ja gleichzeitig positive Ansätze der Jugendarbeit verfolgt, werden die Konzeption und die Machtkumulation bei Alfred Siegfried offenbar nie infrage gestellt. Nach seinem Rücktritt mit 70 Jahren führt Clara Reust die Arbeit 1960 fort. Die Zahl der Kinder hat schon 1939 ihren Höhepunkt erreicht; in den 1960er Jahren sinkt sie weiter von etwa 70 auf 30.

Auf die «Beobachter»-Artikel des Journalisten Hans Caprez reagiert Pro Juventute lange nur abwehrend, dann stellt sie die umstrittene Tätigkeit im Frühjahr 1973 ein. In der Öffentlichkeit kommt einiges in Bewegung, zumal im Zuge von «1968» Heime, Anstalten und Erziehungsmethoden generell in die Kritik geraten sind. Die Zeit ist reif für eine neue Sicht auf eine gesellschaftlich-kulturelle Minderheit. Ein politischer Vorstoss führt 1983 zu einem Bericht über die Fahrenden in der Schweiz. 1986 entschuldigt sich Bundespräsident Alphons Egli für die Rolle des Bundes. 1988 spricht das Parlament Gelder für eine «Wiedergutmachung» – meist nur einige tausend Franken pro Person. Bestrebungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung «eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte» (Bundesrätin Ruth Dreifuss) verlaufen mühsam. 1998 erscheint dann die vom Eidgenössischen Departement des Innern in Auftrag gegebene Untersuchung von Walter Leimgruber, Thomas Meier und Roger Sablonier. Die neueste, 700 Seiten umfassende Arbeit stammt von Sara Galle («Kindswegnahmen», 2016).

Die Fahrenden und andere Jenische selbst finden ab den 1970er Jahren eine neue Stimme. Es entstehen Organisationen wie die Radgenossenschaft der Landstrasse; man fordert den Einbezug in die Forschung; Lebenszeugnisse werden publiziert; Mariella Mehr, die in rund zwanzig Heimen und Anstalten aufgewachsen ist, gibt dem Erlebten und ihrem Leiden Ausdruck in literarischen Werken, für die sie mehrfach ausgezeichnet wird.

Fahrende gelten gewiss nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft. Ist dies auch eine Folge der gezielten Zurückdrängung des «Vagantentums»? Die Reichweite des «Hilfswerks» wird unterschiedlich eingeschätzt – und nochmals eine andere Frage ist die der «Züge eines kulturellen Genozids» (Rechtshistoriker Lukas Gschwend). Das ändert nichts an der nötigen Kritik. Was die gesellschaftliche Toleranz betrifft, so bleibt eine Tatsache, dass der Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen für Fahrende bis heute ein Dauerproblem ist.

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