
Der Deutsch-Französische Krieg und seine Folgen – und wie das Bourbaki-Panorama nach Luzern kam
Vor 150 Jahren rangen Deutschland und Frankreich um die Vormachtstellung in Europa. Die Schweiz war mittendrin. Ein Blick zurück auf die wichtigsten Etappen.
Robin Schwarzenbach
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Strassburg bietet im Oktober 1870 ein Bild der Zerstörung. Deutsche Kanonen hatten die Stadt wochenlang unter Beschuss genommen.
Hulton Archive
Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 ordnet die Machtverhältnisse in Europa neu. Das neu gegründete Deutsche Kaiserreich geht als Sieger hervor. Frankreich verliert seine hegemoniale Stellung an seinen Erzfeind. Und auch für die Schweiz bedeutet der Waffengang der beiden Grossmächte eine Zäsur. Das sind die wichtigsten Etappen des Konflikts, der mit dem Übertritt der geschlagenen Bourbaki-Armee bei Les Verrières im Neuenburger Jura vor 150 Jahren einen letzten spektakulären Höhepunkt erlebte.
Juli 1870: Bismarck will Krieg
Europa geniesst den Sommer, doch hinter den Kulissen baut sich eine diplomatische Krise auf. Spanien will Prinz Leopold von Hohenzollern, einen süddeutschen Verbündeten der Preussen, für seinen verwaisten Thron gewinnen. Der preussische Ministerpräsident Otto von Bismarck unterstützt das Ansinnen - er will Frankreich provozieren. Mit Erfolg: Die von ihm zugespitzte Version der Emser Depesche ist für Paris nicht hinnehmbar: Am 19. Juli erklärt Frankreich Preussen den Krieg. Die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt stellen sich auf die Seite Preussens.
Die Schweiz bleibt neutral. Hans Herzog, Inspektor der Artillerie, wird von der Bundesversammlung zum Oberbefehlshaber gewählt. Zur Grenzbesetzung werden Truppen aufgeboten. Es zeigt sich, dass das immer noch stark kantonal organisierte Militär grosse Schwächen hat.
Die ersten Kriegswochen: Frankreich in der Defensive
Der Krieg findet fast komplett auf französischem Territorium statt. Die vereinten deutschen Kräfte erringen mehrere Siege. Die französische Rheinarmee wird bei Metz eingekesselt. Die Truppen Napoleons III. werden nach Sedan abgedrängt. Deutsche Geschütze nehmen die Stadt unter Feuer. Am Abend des 1. September kapituliert der französische Kaiser und gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Der französische Kaiser Napoleon III. wird nach der Schlacht von Sedan gefangengenommen. Das Bild zeigt ihn neben dem späteren deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck.
Imago
In Paris wird die Republik ausgerufen. Der Forderung Bismarcks, Elsass-Lothringen abzutreten, will die neue Regierung auf keinen Fall nachkommen - der Kampf gegen Preussen und seine Verbündeten wird fortgesetzt.
Der «Hülfsverein für schweizerische Wehrmänner und ihre Familien», wie sich das Schweizerische Rote Kreuz bis dato nennt, trifft sich in Bern zur Generalversammlung. Der Krieg beflügelt die Organisation: In mehreren Städten werden Zweigvereine gegründet.
Belagerung von Strassburg: Zivilisten nach Basel evakuiert
Die Stadt im Elsass gerät in den ersten Kriegswochen ebenfalls unter Beschuss. Bombardierungen der Deutschen richten schwere Schäden an. Pro Tag sollen 4967 Geschosse abgefeuert worden sein. Die frühere Reichsstadt wird von der Aussenwelt abgeschnitten.
In der Schweiz nimmt man grossen Anteil am Schicksal der Strassburger Bevölkerung. Die Öffentlichkeit ist empört über das Vorgehen der badischen und württembergischen Truppen. Dem Basler Arzt Gottlieb Bischoff gelingt es, den Bundesrat zur Unterstützung seiner Initiative zugunsten notleidender Strassburger zu gewinnen. Die Landesregierung wird beim Gesandten des Norddeutschen Bunds in Bern vorstellig - die geplante Rettungsaktion kann durchgeführt werden: Bis Ende September werden 1300 Zivilisten nach Basel evakuiert.
November 1870: General Herzog will zurücktreten

Hans Herzog, Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Deutsch-Französischen Krieg.
PD
Der starke Mann im Bundesrat, Militärvorsteher Emil Welti, hält den Krieg für entschieden. Bereits Ende August hat er die Entlassung aller stehenden Truppen verfügt. Das Budget des jungen Bundesstaats ist schliesslich knapp. General Herzog wird seines Kommandos, nicht aber des Amtes enthoben.
Im Spätherbst reicht er offiziell seinen Rücktritt ein. Er schreibt: «Das Gefühl der ungeheuren Verantwortung ist ein wahrhaft peinliches, und zwar umso mehr, als dem General alle und jede direkte Einwirkung auf Organisation und Vorbereitung der Armee auf den Ernstfall entzogen ist - eine Situation, die an Unsinn grenzt.» Doch Welti und die Bundesversammlung ignorieren den Wunsch des Oberbefehlshabers, ganz abtreten zu dürfen.
Januar 1871: Kriegsgefahr an der Schweizer Grenze
Die Franzosen geben sich nicht geschlagen. Bei Montbéliard haben sie eine 150 000 Mann starke Armee versammelt, die Ostarmee unter General Charles Denis Bourbaki. Das Kriegsgeschehen verlagert sich an die Schweizer Grenze.
Doch der Bundesrat denkt nicht daran, die von der Armeeführung erbetenen Soldaten aufzubieten. Statt mit einer Division müssen die Grenztruppen mit einem Drittel der verlangten Mannschaft auskommen.
Krönung Wilhelms I. in Versailles: Europa hat einen neuen Hegemonen

Beginn einer neuen Ära in Europa: Der preussische König Wilhelm I. (links, mit weissem Bart und gelber Schärpe) wird am 18. Januar 1871 in Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt.
Imago
Der Krieg mit Frankreich dauert an, doch die Deutschen lassen es sich nicht nehmen, ihr neues Reich trotzdem bereits auszurufen - im Spiegelsaal von Versailles. Der preussische König Wilhelm I. wird deutscher Kaiser, Bismarck wird Reichskanzler. Der europäische Kontinent wird fortan von einer neuen Grossmacht dominiert.
Die Truppen Charles Denis Bourbakis sind eingekesselt
Ende Januar hat die Ostarmee fast die Hälfte ihrer Truppenstärke verloren. Doch noch immer zählen die Bourbakis 87 000 Mann. Umzingelt von drei Seiten, bitten die Franzosen den wiedereingesetzten Schweizer Oberbefehlshaber darum, über die Grenze treten zu dürfen.
1. Februar 1871: Die Bourbakis kommen!
Herzog handelt ein Abkommen aus: Die Franzosen müssen ihre Waffen abgeben und sich internieren lassen. Das sichergestellte Arsenal wird Frankreich erst dann zurückgegeben, wenn die Kosten für die Internierung der Bourbakis vollständig beglichen sind. Dann setzt sich die Ostarmee in Bewegung. Bei Les Verrières allein bringen sich vom 1. bis 3. Februar 34 000 Mann in Sicherheit.

1. Februar 1871: Schweizer Soldaten nehmen fliehenden Truppen der französischen Bourbaki-Armee die Waffen ab. Das Bild zeigt ein Gemälde des Neuenburger Malers Auguste Bachelin.
Kunstmuseum Luzern
Februar und März 1871: Internierung in 188 Gemeinden
Die Bourbaki-Truppen werden auf 188 Städte und Gemeinden in der ganzen Schweiz verteilt. Bei der Unterbringung gilt es zu improvisieren: In St. Gallen etwa hausen die Internierten in einer Kirche.

Internierte Bourbakis in der St.-Mangen-Kirche in St. Gallen.
PD
Nach sechs Wochen - die Kriegsparteien haben sich in der Zwischenzeit auf einen Waffenstillstand geeinigt - können die ersten Franzosen in ihre Heimat zurückkehren.
Einige Internierte indes finden, von Krankheiten gezeichnet, in der Schweiz ihre letzte Ruhestätte.

Nicht allen Franzosen ist es vergönnt, in die Heimat zurückzukehren. Einige Internierte erliegen ihren schweren Krankheiten.
PD
9. März 1871: Tonhallekrawall in Zürich
Deutsche in Zürich feiern den Sieg in der alten Tonhalle auf dem Salzhausplatz, dem heutigen Sechseläutenplatz. Vor dem Konzerthaus protestieren bis zu 400 Personen gegen die Veranstaltung. Pflastersteine fliegen. Im Wirtshaus neben der Tonhalle sitzen internierte französische Offiziere. Angestachelt von der aufgebrachten Menge auf dem Platz, dringen sie in die Tonhalle ein und liefern sich eine Prügelei mit deutschen Sängern und Musikern. Polizei und Militär sind überfordert.
Die Unruhen halten die beiden folgenden Tage an. Revolutionsängste gehen um. Der Regierungsrat bittet den Bundesrat, zu intervenieren. Eidgenössische Truppen besetzen die Stadt. Die Ängste vor einem sozialistischen Umsturz erweisen sich als unbegründet.
10. Mai 1871: Der Frieden vor dem nächsten Krieg
Im Frieden von Frankfurt wird der Deutsch-Französische Krieg offiziell beendet. Grosse Teile Elsass-Lothringens fallen dem Deutschen Kaiserreich zu. Viele Franzosen sinnen auf Rache. Die Konfliktlinien zum Ersten Weltkrieg sind vorgezeichnet.
1874: Militärreform in der Schweiz stärkt den Bund
Mit der neuen Verfassung bekommt der Bund in Militärfragen gegenüber den Kantonen mehr Kompetenzen zugesprochen. Die Gesetzgebung liegt nun allein bei der Eidgenossenschaft. Die allgemeine Wehrpflicht soll die Verteidigungsbereitschaft verbessern.
1881: Das Bourbaki-Rundgemälde wird in Genf gemalt
Übertritt und Internierung der französischen Bourbaki-Truppen sind noch in lebhafter Erinnerung. Gleichzeitig stehen Panorama-Gemälde hoch im Kurs. Und so beauftragt ein belgisches Unternehmen den Genfer Maler Edouard Castres, ein entsprechendes Rundgemälde anzufertigen.

Die Malertruppe von Edouard Castres in Genf. Sitzend im Zentrum mit Bart ist der junge Ferdinand Hodler zu erkennen.
PD
In wenigen Monaten entsteht ein eindrückliches Zeitdokument - auf einer 112 Meter langen Leinwand. Zur Maler-Equipe Castres’ gehört auch der junge Ferdinand Hodler.
Das Genfer Publikum ist begeistert, das Bourbaki-Panorama ist ein gutes Geschäft, zumindest in den ersten Jahren. Dann gehen die Einnahmen zurück.
1889: Das Gemälde findet in Luzern ein neues Zuhause
In Genf hat man das Rundgemälde allmählich gesehen. Luzern, die aufstrebende Tourismusdestination am Vierwaldstättersee, wird als neue Bühne auserkoren. Ab September kann man das Bourbaki-Panorama dort für 1 Franken bewundern. Im zweiten Jahr kostet ein Eintritt doppelt so viel.
1925: Eine Garagenfirma übernimmt das Gebäude – samt Gemälde
Das Exponat schlägt sich ordentlich. 1925 indes geht das Gebäude am Löwenplatz, das eigens für das Panorama gebaut wurde, an ein Garagenunternehmen über. Der Museumsbetrieb wird weitergeführt. Doch für die Autos im Untergeschoss braucht es mehr Platz.

Ab den 1920er Jahren ist im Untergeschoss des Bourbaki-Museums in Luzern eine Garage untergebracht.
PD
Der Umbau hat Konsequenzen: Das Rundgemälde muss beschnitten werden: Von 14 Metern auf 9 Meter Höhe. Und nicht nur das: Auf der Fläche vor dem Gemälde werden Autoteile gelagert.

Autoteile und einrückende Schweizer Soldaten in Les Verrières: eine seltsame Kombination.
PD
1970er Jahre: Das Panorama muss gerettet werden
Jahrzehnte wenig sachgemässen Umgangs mit der Leinwand und dem Gebäude hinterlassen Spuren. Der Denkmalpfleger des Kantons Luzern ruft in dramatischen Worten zur Rettung des Rundgemäldes auf:
Antwort: Der Fortbestand des Panoramas ist ernsthaft bedroht. Der Erhaltungszustand des Riesengemäldes und des Panorama-Gebäudes sind besorgniserregend. Wassereinbrüche zerstören Leinwand und Farben unwiederbringlich.
Antwort: Ich appelliere an Sie alle, unsere Bemühungen auch finanziell zu unterstützen, damit das Panorama restauriert und der Stadt Luzern für immer erhalten bleibt!
Eine Stiftung wird gegründet mit dem Ziel, dem Garagenbetreiber zuerst das Gemälde und später das Gebäude abzukaufen. Beides gelingt.
1996 bis 2000: Die Bourbakis werden gerettet
Bis zur Jahrtausendwende werden das Rundgebäude und die Leinwand umfassend saniert. Heute sind in dem erweiterten Komplex neben der Stadtbibliothek ein Kino und diverse weitere Geschäfte eingemietet. Der Betrieb des privaten Museums wird zu einem grossen Teil durch die Mieteinnahmen der Mantelnutzung finanziert. Die Zukunft der Bourbakis in Luzern dürften somit gesichert sein.

Wegen der Corona-Pandemie derzeit geschlossen, aber auf solidem finanziellem Fundament: das Bourbaki-Panorama in Luzern, wie es sich heute präsentiert.
Julia Leijola
150 Jahre Bourbakis in der Schweiz
R. Sc. · 150 Jahre – eigentlich hätte das Jubiläum des Übertritts der französischen Ostarmee am 1. Februar gebührend gefeiert werden sollen. Doch das Coronavirus machte dem Bourbaki-Museum in Luzern einen Strich durch die Rechnung: Die Sonderausstellung «Über Grenzen» im Untergeschoss der Besucherplattform musste in den Frühling verschoben werden. Die Eröffnung ist für den 11. Mai vorgesehen. Im Sommer sollen sich der französische Botschafter und der Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes die Ehre geben. Von Bund und Armee indes sind keine Gedenkveranstaltungen geplant, wie auf Anfrage in Bern zu erfahren war.
Ist das Thema Bourbaki-Übertritt überhaupt noch aktuell? Die Besucherzahlen des Jahres 2019 stimmen zuversichtlich: Damals verzeichnete das Museum knapp 38 000 Eintritte, 20 Prozent mehr als im Jahr davor. Sehr zu empfehlen ist die App, mit der man (historische) Figuren auf der Leinwand näher kennenlernen kann. Beliebt sind auch Führungen speziell für Kinder.
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