Editor’s Letter

GLAMOUR im Pride Month: Das sind die Themen der aktuellen Ausgabe

Sichtbarkeit bedeutet nicht allen zu gefallen, Sichtbarkeit bedeutet, man selbst zu sein

“Niemand entscheidet sich dafür, sich zu verstecken oder sich selbst zu unterdrücken. Das ist kein echtes Leben”, sagt Kim Petras zu mir in unserem Cover-Interview in Berlin. Ein Satz, der so selbstverständlich klingt – und trotzdem so selten gilt. Jedes Jahr im Juni werden Logos bunt. Kampagnen sprechen von Liebe, Vielfalt, Akzeptanz. Brands entdecken den Regenbogen – und vergessen ihn wieder im Juli. Pride als Marketingmoment. Pride als Ästhetik. Pride als etwas, das man konsumiert, ohne es zu verstehen.

Hier findet Ihr die Cover-Geschichte aus Heft 2/26 mit Kim Petras

Sichtbarkeit, die betont wird. In Feeds, in Kampagnen, auf Bühnen. Sichtbarkeit als Ziel. Als Versprechen. Als Beweis, dass man angekommen ist. Dabei fehlen jedes Mal dieselben Fragen: sichtbar – für wen? Zu welchem Preis? Unter welchen Bedingungen?

Denn die Realität sieht so aus: Queerness definiert heute den Zeitgeist – in Musik, Mode, Popkultur. Gleichzeitig verzeichnete das Bundeskriminalamt 2024 zum siebten Mal in Folge einen Anstieg queerfeindlicher Straftaten. In 64 Ländern weltweit sind gleichgeschlechtliche Beziehungen noch immer strafbar. Trans* Frauen sind zwar so sichtbar wie nie – auf Laufstegen, auf Bühnen, auf Covern. Gleichzeitig werden Trans*-Rechte weltweit systematisch angegriffen, beschnitten, infrage gestellt. Queerness wird gefeiert – und kriminalisiert. Manchmal im selben Land. Manchmal im selben Atemzug.

Sichtbarkeit schützt nicht. Sie exponiert. Kim Petras weiß, was es bedeutet, sichtbar zu sein und trotzdem um Selbstbestimmung kämpfen zu müssen. Im Cover-Interview spricht sie über kreative Kontrolle, ihre Trennung vom Label, Mode als Rüstung und queere Sichtbarkeit in politisch unsicheren Zeiten. Und darüber, warum wahre Power heute vor allem eines bedeutet: zu wissen, wer man ist – auch wenn die Welt gerade laut darüber diskutiert, ob man das sein darf.

Denn trans* zu sein ist keine Entscheidung. Kein Manifest. Keine Forderung. Nur die schlichte, unverhandelbare Wahrheit einer Frau, die sich selbst gehört.

Diese Ausgabe erzählt davon. Von Einsamkeit, Community und dem tiefen Wunsch, gesehen zu werden. Von dem, was Sichtbarkeit wirklich kostet – und wem sie nützt. Von Mental Health und dem Gedanken, dass wir nicht erst dann wertvoll sind, wenn wir genug leisten, funktionieren, gefallen. Von der Frage, ob KI uns wirklich kennen kann – oder ob wir uns längst daran gewöhnt haben, nicht wirklich gesehen zu werden. Von Tradwives und der romantisierten Rückkehr zur weiblichen Unterordnung – weich gefiltert, hart rückwärtsgewandt. Von queerer Popkultur, die Räume öffnet. Und von Mode, Beauty und Handwerkskunst als Ausdruck von Individualität. Weil Einzigartigkeit kein Claim ist, sondern ein Recht.

Denn das ist vielleicht das Eigentliche, was Pride lehrt. Nicht nur queeren Menschen. Sondern allen. Niemand entscheidet sich dafür, sich zu verstecken. Das passiert – durch Urteile, Erwartungen, Angst. Durch Blicke, die sagen: So nicht! Durch Sätze, die sagen: Pass dich an! Irgendwann weiß man selbst nicht mehr, wo die Anpassung aufhört und man selbst anfängt.

Pride beginnt nicht bei der Frage, ob wir laut genug sind. Pride beginnt in dem Moment, in dem man aufhört, in den Köpfen anderer zu leben. In dem man aufhört, die Version von sich zu performen, die für andere bequemer ist.

Genau das ist der Auftrag von GLAMOUR. Nicht nur zeigen, wer gerade relevant ist, sondern fragen, warum. Nicht Repräsentation als Dekoration, sondern als Haltung. Medien tragen Verantwortung. Natürlich brauchen wir alle auch Leichtigkeit – die neueste Mode, den perfekten Lippenstift, einen Sommer, der sich nach Freiheit anfühlt. Das gehört dazu. Aber es reicht nicht.

GLAMOUR war nie dafür da, Oberflächen zu spiegeln, sondern dafür, tiefer zu schauen. Das gilt heute mehr denn je. Sichtbarkeit bedeutet nicht, allen zu gefallen. Sichtbarkeit bedeutet, man selbst zu sein. Let’s talk about Pride.