Wolfgang Gerhardt: Der Gentleman der FDP ist tot
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Wolfgang Gerhardt starb mit 80 Jahren – er prägte die Politik Hessens und Deutschlands.
Sein Geburtstag fiel auf Silvester, daher hat Wolfgang Gerhardt seinen 80. Geburtstag im Februar 2024 in Wiesbaden nachgefeiert. Der ehemalige hessische Minister sowie Partei- und Fraktionsvorsitzende der Bundes-FDP war seinerzeit gesundheitlich schon angeschlagen, nutzte die Gelegenheit aber für eine Analyse der Spannungen in der Gesellschaft.
„Die Grenze verläuft nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, nicht zwischen Deutschen und Ausländern“, stellte Gerhardt fest. „Die Grenze verläuft zwischen menschenfeindlichen Ideologien und freiheitlich-demokratischen Werten“.
Jetzt ist Gerhardts mahnende Stimme verstummt. Der Mann mit dem Habitus eines Gentleman, der die deutsche Politik und insbesondere seine Partei über viele Jahre prägte, starb am Freitagmorgen in Wiesbaden. Die hessische Landeshauptstadt war dem Politiker, der aus dem Vogelsberg stammte, zur Heimat geworden.
Man sah ihn dort auch lange nach dem Ende seiner Karriere häufig bei geselligen und politischen Anlässen. „Er war mit Überzeugung Ehrenvorsitzender der hessischen FDP“, schilderte sein langjähriger Parteifreund und Nachfolger in mehreren Positionen, Jörg-Uwe Hahn. Freiheit sei für Gerhardt Lebensthema gewesen – daher habe er den Namen der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung als Vorsitzender auch um den Zusatz „für die Freiheit“ ergänzt.
Gerhardt war ein ungewöhnlicher Politikertyp. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner beschrieb ihn treffend als jemanden, der „auch in Spitzenpositionen ein belesener, feiner und großzügiger Mensch“ blieb. Er habe die FDP „in einer schwierigen Phase unserer Geschichte zusammengehalten und wieder aufgerichtet“, fügte er hinzu.
Wolfgang Gerhardt: Sieg gegen Möllemann
Gerhardt hatte bereits Jahre als Wissenschaftsminister und Vize-Ministerpräsident in Hessen (1987 bis 1991) hinter sich und war 1994 in den Bundestag eingezogen, als er in einer tiefen Krise 1995 an die Spitze der FDP trat. Die Partei war unter Klaus Kinkel aus fast allen Landtagen geflogen. Manchen internen Widersachern war Gerhardt zu besonnen, sie schmähten ihn als „schnarchenden Löwen von Wiesbaden“. Doch Gerhardt traf den Ton, setzte sich bei der Bewerbung um den Vorsitz klar gegen den polarisierenden Jürgen Möllemann durch und blieb bis 2001 im Amt. Aus dem verdrängte ihn der aufstrebende Guido Westerwelle.
Als die schwarz-gelbe Regierungszeit von Helmut Kohl (CDU) 1998 endete und die bis dahin mitregierende FDP in die Opposition geschickt wurde, übernahm Gerhardt die Spitze der FDP-Bundestagsfraktion – und blieb dort bis 2006.
Insgesamt umfasste sein politisches Wirken rund 50 Jahre – von 1967/68, als er Landesvorsitzender des Liberalen Studentenbundes Deutschlands und Vizechef der Jungdemokraten in Hessen wurde, bis 2018, als er das Amt als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung abgab. Doch Gerhardt blieb auch danach seiner Partei eng verbunden. „Ich bleibe in Rufweite, wenn ich gebraucht werde“, sagte er bei seinem 80. Geburtstag.
Ein Amt, das er gerne bekleidet hätte, blieb dem Freidemokraten versagt – das des Chefdiplomaten. Zwar handelte die FDP 2009 aus, das Außenministerium zu übernehmen, doch ins Amt kam Parteichef Westerwelle. So erhielt Gerhardt vom Parteienforscher Jürgen Falter das Lob, er sei der „beste Außenminister, den Deutschland nie hatte“.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier pries den Verstorbenen am Freitag als „klar in der Sache, standfest aus Überzeugung und immer besonnen im Ton“. Sein Wirken habe „der politischen Kultur in unserem Land gutgetan“. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sagte, Gerhardt habe „es verstanden, Brücken zu bauen und unterschiedliche Meinungen zusammenzuführen“.
In Hessen war Gerhardt von 1978 bis 1991 erst Landtagsabgeordneter, dann Wissenschaftsminister und nach dem Ende der schwarz-gelben Koalition FDP-Fraktionschef. In seine Ministerzeit fiel der für ihn bedeutendste Moment in seinem politischen Leben: Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, redete Gerhardt am nächsten Morgen im Bundesrat.
Die hessische FDP-Fraktionschefin Wiebke Knell nannte Gerhardt einen „Vorzeigeliberalen und ein Vorbild“. Als Jugendliche habe sie Wolfgang Gerhardt bei einer Veranstaltung erlebt. „Sein Auftreten war so überzeugend, dass ich daraufhin in die FDP eingetreten bin“, sagte Knell.